Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Die höchste Eisenbahn im Merlin

Entzückt war ich schon vor dem Konzert, wegen der Schau in den Lauf Hase Platte. Die Merlinmenschen hatten ein glückliches Händchen und das PopFreaks Festival 2014 avanciert zu einem Knüller.

Nach einem kurzen Geplänkel mit armen Seelen, die vor dem Merlin hoffnungsvoll auf übrig gebliebene Tickets warten und jäh enttäuscht werden, gehe ich vorsorglich zur Toilette, ich will ja nachher nichts verpassen. Noch während ich dort meine Weihnachtswampe begutachte, trällert jemand aus der Kabine die Melodie von Schau in den Lauf Hase. Die letzten Töne pfeif‘ ich mit.

Desiree Klaeukens hat Schuhe von Paul Green, glaub‘ ich. Dafür trägt Florian Glässing, ihr Gitarrist, ein T-Shirt der Eisenbahn. Ein Lied über eine Fernbeziehung und zwar eine, die funktioniert - auch selten besungen so eine Geschichte. Desiree ist ein hübsches Mädchen mit schwarzen Hosen und brauner Jacke, die Mütze hat sie von Moritz Krämer aus der Ich kann nix dafür Zeit. Ich hab das Gefühl, dass sie ziemlich gut in diesen Konzertabend passt, zu Krämers Texten lassen sich manche Parallelen finden. Trotzdem könnte ein bisschen mehr kommen, auch weil ihre Stücke einander recht ähnlich sind. Mit langen Fingern über die Saiten streichelnd ist es ein schönes Zuhören und als sie ihren letzten Beitrag ankündigt, stelle ich fest, dass ich vor lauter Nachdenken und Zuhören nicht mitbekommen hab‘, dass das Bier schon wieder leer ist. Mitschuld hat der Tratschtantenlärm von hinten, der mich ein bisschen wütend macht, das will ich dem Merlin auf die Jammerboxzettel schreiben.

Die folgende Pause ist zu lang fürs enge, warme Merlin. Wir stehen alle recht gedrängt da und warten, nur weil die hinter der Bühne noch rauchen, oder was? Selbst die langsamste Bedienung hat jetzt jeden Getränkewunsch erfüllt.

Dann geht’s los, aber nicht mit dem Begrüßungslied des Albums, das läuft später. Von Anfang an strahlt frohe Gelassenheit von der Bühne, als hätten die sich genauso vorgefreut wie ich und wären extra nochmal auf die Toilette gegangen. Francesco Wilking trägt den Bart zweier Männer im Gesicht, was ihn zusammen mit Kappe und Brille heute aussehen lässt wie eine Kreuzung aus Helge Schneider und dem geselligen Opa aus der Nachbarschaft. Francesco singt aber schöner.
Zweites Stück ist Body & Soul, aus dem ich gar nicht alle Bilder und Metaphern aufzählen kann. Den Text zu kennen ist eh nur eins. Die Interpretation auf der Bühne bringt eine Dimension dazu. "Die Leute tanken voll, jeder poliert sich selber". Weiter mit Jan ist unzufrieden. Während das gespielt wird, scheint Krämer nicht aufzupassen, er träumt in den Raum und singt leise die Hintergrundstimme. Vielleicht ist das die Stelle, an der Menschen sich verlieben.
Jetzt folgt Die Vergangenheit, einer der großartigsten Werke wie ich finde. Und wieder ist es leicht verändert und angepasst, keine reine Kopie aus dem Album. Damit es passt, nutzt der Schlagzeuger auch mal sein Knie zur Geräuschproduktion, statt Tomtom.
Vom Schlagzeug abgesehen, spielt hier jeder alles. So versucht sich Francesco auch am Bass, den er "schwer wie alles Schöne" bezeichnet. Erneuter Positionswechsel, dann Raus aufs Land und anschließend Isi, angekündigt als ein Stück aus dem 5ten Wiener Bezirk, das ich sicher noch zwei Wochen feiern werde. Ich hoffe, jemand findet dieses großartige Video, dass dazu gemacht wurde.
Moritz schiebt sein Mikrofon mit der Wange in die korrekte Stellung, in der er mit geneigtem Kopf und geschlossenen Augen das meiste Gefühl durchs Kabel drängt. Überhaupt, geiler als Die höchste Eisenbahn kann man nicht zwei Frontmänner haben. Das finden die auch selbst und lachen sich an so mancher Stelle an, prüfend, ob der andere die schwierige Stelle meistern oder sich wie in den Proben verspielen wird, den Einsatz versemmelnd. Und wenn alles gut geht, lacht der andere auch zurück.
Auf Francescos Kappe steht "the quiet life". Die will ich auch haben. Schön mit den Wanderschuhen und dem wirklich großartigen Hemd hat der Mann seinen eigenen Stil. Während Moritz seinen eigenen, einzigen Pulli trägt.

Obwohl ich so fleißig vorher ging, muss ich nach dem letzten Song dringend noch mal weg. Das geht aber nicht, denn Schau in den Lauf Hase ist noch nicht gespielt. In der Zugabe passiert es dann und ich vergesse meinen Drang für einige Minuten. Und alles andere auch. Die Jungs wollen scheinbar noch nicht gehen und ich auch nicht, auch wenn ich’s nicht mehr halten kann - höchste Eisenbahn eben. Die Nacht übertreibt kommt jetzt noch und es ist ein so schönes Anti-Liebeslied. "Im Kopf ist Chaos, da steht was es ist in verschiedenen Sprachen die du alle nie sprichst."

Nach dem Konzert verkaufen Florian und Desiree all die Sachen und es wird eine Menge gekauft, auch noch als ich pfeifend zurück bin. Backstage wird wohl wieder geraucht und angestoßen auf das vielleicht schönste Konzert, das ich dieses Jahr sehen werde. Das ist mal 'ne Prognose. Trotzdem tauchen die Jungs nicht mehr auf.
Es gibt einen Grund, warum so viele Menschen gerne Musik hören. Die höchste Eisenbahn hat es uns erklärt.

Text:
Manuel Niedermann
Geschrieben am
13. Januar 2014
Die Höchste Eisenbahn Die Höchste Eisenbahn
german, singer-songwriter, Indie, vorgemerkt, seen live
Desiree Klaeuens