Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Ein Leben. Eine Baustelle.

Drangsal. Und Sturm.

Schuhschauen.
Vor unseren Augen tut sich ein Vortex auf und gebärt einen dunklen Stern, der als die neue Hoffnung der alten Schule gilt. Drangsal nennt sich eine Truppe aus Herxheim, die sich anschickt, das Erbe jener Brit-Pop, New Wave und Post-Punk-Größen anzutreten, deren Namen wir hier nicht nennen wollen. Denn was diesen Genre-Querschnitt vereint, ist die Sinnlosigkeit der Vergleiche mit der Vergangenheit. Der Durchlauf der beiden bisher hörbaren Oeuvres Wolpertinger und Allan Align verspricht sonische Lauschattacken, die sich irgendwo zwischen kitschiger Brachialität und rabiater Melancholie einpegeln.

Unser Interesse ist geweckt. Und während wir noch über die metaphysische Bedeutung der eben beschriebenen Nostalgie-Versessenheit nachdenken, lädt das Merlin Kulturzentrum bereits zur Bewertung der Stilsicherheit der Schuhwerk-Wahl der Nachwuchs-Shoegazer aus der Peripherie Stuttgarts. Unter ihnen: Drangsal. Welch famose Fügung.

Flauschangriff.
Ein Augenaufschlag und wir finden uns in einem zwar kleinen, doch solide gefüllten Raum im Stuttgarter Westen wieder. Das Publikum ist wie unsere Weinschorle: Gut gemischt. Doch um an den Line-Up Endgegner des Abends zu gelangen, müssen unsere Ohren erst ein Level namens Ago durchzocken. Und das ist alles andere als einfach. Denn zäh und undurchdringbar quälen sich zwei Musiker durch ihr Set, deren Farbe hinter den Ohren uns folgenden Satz geradezu entgegen schleudert: "Grüner wird's nicht!". Zweifelsohne. Denn diese mühsam einstudierte Show wirkt wie die erste Show der Welt. Dem Umstand würde Gnade gewährt, würde seine musikalische Untermalung Mehrwert bieten. Doch aus wundersamerweise die Zahl zwei zählenden Keyboards schallen uns trashige Beats entgegen, die von mehr schlecht als recht einstudierten Gitarren- und Basslines verfolgt werden. Die das Gegenteil von Stimmsicherheit beschreibende Dame, die zum Abschluss wohl die Rauswerferin mimen soll, hilft da keineswegs. Nun gut. Wir denken über die Diskrepanz zwischen üben und in Geduld üben nach.

Aber bitter mit Sahne.
Ein Schnaps. Eine Zigarette. Ein Bier. Leben und Sterben in der Umbaupause. Die ersten Töne Drangsals reißen uns aus unserer nano-metaphysischen Verzückung. Und stürzen unsere Ohren in ihren audiovisuellen Bruder. Denn die dunkle Nachwuchs-Professionalität im pompösen Pop-Outfit, die Max Gruber und seine Mannen in die Nacht legen, betört unsere Erwartungshaltung mit Fleischeslust. Bleich, kurzhaarig und dürr, doch alles andere als unsichtbar, thront in Mitten der Zuschauerschar ein Anti-Held über Vorurteile und Vorschusslorbeeren gleichermaßen. Und kanalisiert sein Innerstes just, wie es ihm sein Gemüt befiehlt. Und da mischen sich Synthies unter Gitarren-Delay. Und da steppt der Dr. Martens-Boot zu Overdrive-Bass.

Und da entlockt es dem Publikum schließlich zustimmendes Johlen, als Allan Align angekündigt wird. Denn Drangsal lassen das Merlin kurzzeitig und kurzweilig wie eine 80er-Jahre Lagerhalle in Manchester klingen. Arbeiter-Melancholie inklusive. Und suchen über ihr Kommunikationsmedium Max Gruber die im Genre-Sumpf seltene Nähe zum Publikum. Denn die vermeintlich nervige technische Panne meistert das Bleichgesicht souverän. Genau wie den Ausflug in die Publikumsreihen, der genauso wahrhaftig wirkt wie das zum Takt passende Stampfen und Zucken der alle Blicke auf sich ziehenden Frontfigur.

Legendegängig.
Doch nicht alles was glänzt, muss gold sein. So drängt sich uns die Frage auf, ob drei Gitarristen nicht einer zu viel sind, wenn diverse Riffs ohnehin vom Band kommen. Und ob bei all den Instrumenten auf der Bühne nicht doch Platz für einen Bassisten gewesen wäre. Denn jener würde der Musik Drangsals buchstäblich Nachdruck verleihen. Dennoch: Hier kann man einer Ikone von Morgen beim Großwerden zusehen. Ein derartiges Songwriting-Verständnis gepaart mit derartiger Souveränität in jungen Jahren. Wo soll denn das hinführen?

Die Debüt-LP "Hareschaim" erscheint am 22. April. Eingetütet wurde sie vom Produzenten Markus Ganter, der bereits mit Tocotronic und, kein Witz, Casper gearbeitet hat. Wir empfehlen uns.

Text:
Michael Maria Morgenbesser
Geschrieben am
21. Januar 2016