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Postcards im Stuttgarter Café Galao
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Postcards im Stuttgarter Café Galao

Nachdenklichkeit mit Ansage.

Es ist brechend voll und das Café Galao in Stuttgart beweist mal wieder ein gutes Gespür für junge Bands. Wer sich für ein Getränk auf den Weg zum Tresen macht, drückt sich höflich und etwas verschämt durch die Reihen. Niemand hier möchte die aufmerksame Stille im Publikum stören. Die Gäste stehen dicht gedrängt oder sitzen auf mit Fell bedeckten Bierkisten. Es spielen Postcards, eine aus dem Libanon stammende vierköpfige Band in klassischer Besetzung und derzeit auf Europareise.

Eine gewisse Verzauberung herrscht an diesem Samstagabend. Nicht nur auf Seiten des Publikums, sondern besonders bei Postcards selbst. Überwältigt von der liebevollen Atmosphäre – für die das Café Galao bekannt ist –, schielt die Sängerin fast ungläubig zu ihren drei Bandkollegen, um dann im Nachhall der Zugabe-Rufe das wirklich allerletzte Lied anzustimmen. Zweifellos ist Julia Sabra eine tolle Sängerin; ihr Gesang wird teilweise mehrstimmig von Marwan Tohme, Rany Bechara und Pascal Semerdjian gestützt. Fast haucht sie die gesungenen Worte, so, dass die letzten Silben in einigen Strophen nur zu erahnen sind. Gerne hätte man mehr verstanden, dennoch passt diese Sanftheit zu der bescheiden wirkenden Band.

Dabei haben Postcards einiges zu sagen. Hinter den weichen Klängen ihrer Musik steckt bittere Realität: Die Texte handeln vom Leben in Libanon, einem Land, von dem man hier weniger weiß. Die Sängerin erzählt aus ihrer Jugend – einer Zeit zwischen Bedrohung und der Sehnsucht nach Normalität, einer Zeit in der sich in Beirut Bombenwarnungen zum Abendessen auf dem Balkon mischten. Jeder Sonntag ist gleich, singt Julia Sabra und fragt, wie sehr Kriegserfahrungen das Leben bestimmen dürfen und wie nah man diese an sich ran lassen soll. Kann man einfach so weitermachen? – die Sängerin ist zerrissen und lässt die Antwort darauf offen.

Der Song „On the places we will go“ handelt vom Wunsch nach Reisefreiheit, die den Libanesen durch Einreisebestimmungen anderer Länder teilweise genommen wird. Als im Refrain das Publikum zum mitsingen angehalten wird, entsteht der Eindruck, als entlade sich gerade eine geteilte Frustration darüber, dass die freie, globale Bewegung nur der Musik, aber nicht allen Menschen zuteil wird. Dass wir in Deutschland zu den Privilegierten gehören, erwähnt die Sängerin fast beiläufig und konfrontiert den Zuhörer damit auf angenehme Weise mit sich selbst.

Laut Selbstbeschreibung liegen Postcards irgendwo zwischen den Genres Dream Pop, Lo-Fi Rock und Folk Rock. Schärfere Abgrenzungen sind an diesem Abend auch sonst nicht gewollt. Die sparsam eingesetzten elektronischen Klänge mischen sich subtil zur Ukulele und räumlich löst sich die Trennung zwischen Musikern und Publikum fast gänzlich auf. Man kann sich von Postcards aufsaugen lassen und sich ihrer Nachdenklichkeit hingeben; oder einfach der gut gemachten, mit melodischen und rhythmischen Raffinessen bestückten Musik mit Leichtigkeit folgen.

Die Band bleibt dabei auffällig unaufdringlich: musikalisch sowie textlich. Sie bleibt im Dazwischen und bricht nur sporadisch aus. Zum Beispiel dann, wenn sich stotternder Gitarrensound und Synth-Arpeggio zu einer, vom geviertelten Schlagzeug getragenen, immer lauter werdenden Klangfläche aufbaut. Aber auch dann, kurz bevor sich alles dreht und keiner mehr still steht, wie es in „Where the wild ones“ heißt, endet dieser Moment auch schon wieder.

Dank der erklärenden und persönlichen Worte der Sängerin zwischen den Liedern verhaften wir nicht zu lange unseren musikalischen Träumereien und verlieren dabei das Gehör für das Weltgeschehen. Genau in diesem schüchternen Dialog mit dem Publikum entfalten Postcards ihre eigentliche Wirkung.

Gastbeitrag von von Michael Schwind

Text:
Geschrieben am
03. Mai 2017
Postcards Postcards
folk rock, dream pop, lo-fi