Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Rainer von Vielen & Orange in den Wagenhallen

Erst Liebe, dann Punkrock.

Wir schreiben das Jahr 2016. Der launische April verabschiedet sich widerwillig. Es ist Zeit für den wahren Frühling, für Feierabende im Freien, für unbändige Sommersprossen-Stimmung.

An diesem Abend jährt sich ein Ereignis in den Stuttgarter Wagenhallen, welches die Zustimmung vieler Wiederholungstäter innehat. Wie die Male zuvor feiern die Combos Rainer von Vielen und Orange mit einem freudig-antizipierenden Publikum in den Mai hinein.

Es ist 21 Uhr, Einlassstart an der großen Pforte zu den Wagenhallen. Menschen stehen noch draußen, quatschen, rauchen und werfen ihre Köpfe vor Lachen oder des Trinkens wegen in den Nacken. Einige Gesichter kommen mir irgendwie bekannt vor, wahrscheinlich, weil man sich jedes Jahr hier trifft oder einfach, weil es Stuttgart ist. Es scheint die gewohnt bunte Mischung aus Jung und Alt, Männlein und Weiblein zu sein. Unter ihnen sind einige - wie ich in Erfahrung bringen konnte - schon den ganzen Tag wegen der Demonstration gegen den AfD-Bundesparteitag auf den Beinen.

Die Musik beginnt und die Masse weiß, was nun kommt: tanzbare Töne seitens eines dreist-dröhnendem Didgeridoo, perkussiver Prankenhiebe und cleverer computergenerierter Keys, sowie kehlköpfig kredenzte Kadenzen.

Anders als erwartet, formiert sich zuerst Orange um Rainer, womit der Abend schon eine ganz andere Richtung einschlägt - „zuerst Liebe, dann Punkrock“, wie die Band sich selbst erklärt.
Es folgen neun Stücke von Orange, gespielt mit höchster Konzentration und Hingabe. Das Publikum muss nicht erst zum Tanz aufgefordert werden, von vorne bis hinten wird mindestens auf den Füßen gewippt. Ich erlaube mir, das Publikum einzuteilen: ganz vorne machen sich die „Hüpfer und Poger“ ihren Raum, die „Schunkler und Wackler“ lauschen von weiter hinten und inmitten all dem sind die „schweigsamen Genießer“, zu denen auch ich mich geselle.

Während vorne die Shirts einiger Männer und die Schuhe einiger weiterer Gäste beiseite gelegt werden, wird auf der Bühne weiter Jibber-Jabber-Obertongesang mit Djemben, Didgeridoo, Schlagzeug und Mundharmonika gepaart. Das hat schon auf der Fusion funktioniert und wirkt auch heute Abend stimulierend. Dennoch bin ich irritiert - ich bin ein Gewohnheitstier, obendrauf Stuttgarterin, ich mochte es, den Abend mit komplexen Liedern zu beginnen und ihn in technoiden Klängen gipfeln zu lassen … Rainer kündigt eine Umbaupause an und die Band macht sich vom Feld.

Ob es wohl etwas Schöneres gibt, als dieses wundersam perlende Bier in meiner Hand? Die Menschen um mich herum versuchen mit meinem Bier mitzuhalten - auch an ihnen perlt es bergab - es ist schließlich sehr warm geworden in der gut gefüllten Wagenhalle. Das Set von Rainer von Vielen beglückt die Fans mit Altbekanntem wie „Tanz deine Revolution“, „Plan X“, „Niedermauern“, „Empört euch“ oder „Großer Blah“ und sogar die Schmacht-Songs „Dem Gefühl“ und „Der Gedanke an dich“ finden in der Zugabe ihren Platz.

Die Ansprachen der Band sind liebevoll erdacht und erzeugen Sympathien; so kommentiert Gitarrist Mitsch Oko „Der Fahrer mit dem amtlichen Kennzeichen … AfD 0815 … kann uns mal schön am Arsch vorbei gehen!“ und auch Rainer widmet die beiden Liebeslieder seiner Muse im Raum. Eine erwartungsgemäß tosende und tobende Menge. Dass die Band ihrem Publikum nahe steht, wird nicht zuletzt deutlich, als Rainer von der Bühne springt und durch das Publikum gehend einen Freestyle hinlegt. Ich finde mich hockenderweise wieder. Der Pulk um mich herum ist ebenfalls in den Knien und lauscht bedächtig Rainers Worten, die auf das Lied „Leben den Lebenden“ zusteuert. Endlich setzt der Beat ein und wir dürfen die Beine wachrütteln.

Nach 21 Liedern gehen dann die Lichter an. Der liebe Mai gabelt mich an der Pforte auf und bringt mich nach Hause. Es war mal wieder ein fulminanter Abend mit Rainer von Vielen und Orange.

Text:
Bettina Marquardt
Geschrieben am
01. Mai 2016
Rainer Von Vielen
electronic, german, deutsch, Indie, hip hop
Orange
punk, punk rock, didgeridoo, pop punk, goa