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Rocko Schamoni in den Wagenhallen
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Rocko Schamoni in den Wagenhallen

Rocko Schamonis Lesung vom 12. Mai war erfolgreich auf ganzer Linie- die Wagenhallen waren voll, wir haben Tränen gelacht, wurden nebenbei auch noch in die Grundlagen der Kunst des Krieges eingeführt und anschließend zog Rocko mit dem intellektuellen Partyvolk ins Schocken, was will man mehr?

Nach einer guten Stunde funky Music à la Curtis Mayfield zum Lockerwerden wird das Publikum um 21 Uhr offiziell über den Äther von einer netten, lasziven Frauenstimme begrüßt:

Guten Abend, meine Damen und Herren! Heute Abend werde ich Ihr Leseguide sein und Sie durch die Veranstaltung begleiten. Nehmen Sie Ihre Plätze ein, entspannen Sie sich und bitte- halten Sie die Schnauze. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, warum Sie eigentlich hier sind? Ist es die Angst, die Sie aus dem Haus treibt? Die Angst, alleine zu sein in Ihrer hässlichen Wohnung heute Abend? Sind Sie gekommen, weil Sie einen großen, starken, attraktiven Mann suchen, an den Sie sich rankuscheln können? Dann sind Sie in dieser Halle richtig gelandet. Ziehen Sie bitte jetzt überflüssige Kleidung aus und lassen Sie nur das Nötigste an. Sie befinden sich auf einer Lesung- es kann Ihnen nichts passieren. Wenn Sie möchten, dass der King Rocko Schamoni die Halle betritt, sollten Sie lautstark applaudieren.

Nach gebührendem Applaus aus den dicht bestuhlten Reihen hüpft der King auf die Bühne, packt sofort 4 Flaschen Bier aus und versucht den Leseabend damit zu beginnen, sich das Stuttgarter Publikum geneigt zu machen. Da die Stuttgarter ein Völkchen für sich sind, stolz und erst mal der Dinge harrend, die da kommen, bedarf es viel Charme und opportunistischer kleiner Seitenhiebe auf unsere „Feinde“, die Karlsruher. Und ja, tatsächlich, so langsam werden wir warm mit ihm.

Da sitzt er nun also auf der Bühne, gebräunt, gepflegt, gegelt und beginnt, aus seinem Tag der geschlossenen Tür zu referieren.

Schamonis Romanfigur, der 35-Jährige Frührentner Michael Sonntag, ist ein selbsternannter Nichtsnutz und Drückeberger vor dem Herrn. Sobald er im Begriff ist, etwas Nützliches für sich oder die Gemeinschaft zu tun, erlahmt schlagartig jeglicher Handlungsimpuls in ihm. Und das ist nicht mal mutwillig, er kann einfach nicht anders. Stattdessen startet er völlig sinnfreie Aktionen, bei denen er nicht mal selber weiß, was dabei für ihn rumkommt und kokettiert ganz ungeniert mit seinen forcierten Misserfolgen.

Die Figur des Michael Sonntag polarisiert- schmunzelt man über ihn oder ist er einem gänzlich zuwider? Ist man selber ein überzeugtes Rädchen in der Leistungsmaschinerie unserer Gesellschaft oder sehnt man sich insgeheim danach, es Herrn Sonntag gleichzutun und völlig frei von Druck und großen Erwartungen in den Tag hineinzuleben?

Die Kapitel, die Schamoni uns vorträgt, sind eine bunte Mischung aus: so langsam werde ich alt und habe dennoch meinen Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden, aus ich würde gerne mal als Museumswärter arbeiten, doch auf Grund schlechter Arbeitsmarktbedingungen kaufe ich mir im Secondhandshop kurzerhand eine Lookalike- Uniform, suche mir einen geeigneten Raum im Museum und spiele mich als pöbelnder Wärter auf und aus grottenschlechten Buchanfängen, die er an Verlage schickt, nur um deren Absageschreiben voller Genugtuung in ein eigens dafür angelegtes Poesiealbum zu kleben. Diese Buchanfänge hat Schamoni tatsächlich unter einem Pseudonym an seinen Verlag geschickt, nebenbei bemerkt.

Klingt verrückt, aber kommt gut beim Publikum an, vor allem wenn Schamoni die verschiedenen Rollen in entsprechenden Stimmlagen zum Besten gibt.

Zwischendurch informiert er uns darüber, dass das hier ja eine Nichtraucherveranstaltung sei, zündet sich im selben Atemzug genüsslich eine Zigarette und bietet uns freundlicherweise an, mal an seiner zu ziehen. Das lässt sich eine junge Nichtraucherin nicht zweimal sagen. Flugs stolpert sie auf die Bühne, nur um King Rocko einmal nahe zu sein.

Da Herr Schamoni heute aber auch ein bisschen „rocken“ möchte, berichtet er, er habe seinen Musikantenfreund „Tex“ Matthias Strzoda im Gepäck, mit dem er, über den Abend verteilt, drei seiner Songs performt.

Nachdem nun also die letzte Gitarrensaite gezupft, die vermeintlich letzte Buchseite gelesen ist, haben diesen entspannten, selbstironischen Womanizer wohl alle ins Herz geschlossen- unter Applaus verlässt er die Bühne. Kurz darauf erfolgt aber noch die obligatorische Zugabe. Zu meiner persönlichen Freude liest er uns den „Move der Hölle“ vor. Darin geht es um die heuschreckenartige Plage von Schlagerumzügen und verkleidungswütigen Ravern quer durch die Innenstadt, bei dem Herr Sonntag und sein Freund ihren Unmut derart ausdrücken, dass sie sich als schwule Nazibabies mit Zauberstäben verkleiden und sich dem Move anschließen. Die schockierten Reaktionen der Mitraver verbuchen sie als eindeutigen Erfolg, denn die Devise lautet: unterwandere das System, indem du den Feind mit seinen eigenen Waffen schlägst und ihn damit überrascht.

Was Schamoni uns übrigens auch in Bezug auf Stuttgart21 empfiehlt: ihr könnt ja einfach schon mal den Tunnel graben, das überrascht den Feind so sehr, dass er dadurch erst mal außer Gefecht gesetzt ist…Nun denn, wieder was fürs Leben gelernt und auch noch a Mordsgaudi dabei gehabt.

Text:
Geschrieben am
07. April 2011
Rocko Schamoni Rocko Schamoni
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