Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Schnipo Schranke im Merlin

Alles, was wir wollten, war Entjungferung.

Ausgesprochen komisch wirkt schon der Beginn: Schnipo Schranke kommen in ausgedienten Braut- bzw. Landfrauenkleidern auf die kleine Bühne des Kulturzentrums und haben dabei auch noch eine Ente im Gepäck. Ungefiedert und null am Quaken handelt es sich dabei aber um einen ausgewachsenen Mann am Schlagzeug, der zwar als Ehemann von Daniela Reis vorgestellt wird, aber auch als potentieller Vater ganz gut ins schiefe Bild passen würde. Der "Schnipo Song" wird angestimmt, dann folgen Zeilen aus dem "Schrank". Ausufernde Ansagen will das Duo vermeiden. Viel zu oft wurde schon immer das selbe gesagt. Nur dass man froh ist, auch mal Stuttgart mit einem "Feuerwerk der schlechten Laune" beglücken zu dürfen, verkünden sie schmunzelnd.

Schnell bekommt man bei einem Schnipo-Konzert das Gefühl einer Darbietung ganz nach Punk-Manier. Nicht, weil man sich wundert, ob beide Sängerinnen und Instrumentalistinnen mit diesem verdorbenem Mundwerk noch bei ihren Müttern Chancen auf liebevolle Behandlung haben. Sondern vielmehr, weil sie sich über ihre Professionalität hinaus auf laienhaft gespieltes Terrain wagen. Sogar den dösig-leeren Blick hinter den besoffenen Single-Fickferien-Zeilen aus "Cluburlaub" bietet Fritzi Ernst dar.

Zwischen dem häufigen Instrumentenwechsel der beiden Hauptakteurinnen strahlt aus Songs wie "Ich küss dich tot" etwas unverbraucht-infantiles. "Ich würd' dich gern mal treffen, doch ich werf' immer daneben" klingt es durch das Merlin. Dabei handelt es sich immer um ähnliche Grundmotive: Gangbang, Suff und öffentliche Erregung mittels kotigen Wortspielen und Hymnen an die Tamponade.

Hinter verwischtem Make-up und Leichenblässe entfleucht beiden während der, nennen wir es Show, immer wieder ein Lachen. Mal wegen locker sitzender und heftig mit den Drums geschlagener Becken, mal weil dann doch zu oft von Gliedern, Gemächten oder vollgesülzten Teddybären die Rede ist. Als Beweis ihres Humors entlocken selbst die Melodien füllenden und mit Inbrunst gesungenen "Lalalas" dem ein oder anderem im Publikum ein schiefes Grinsen. "Ich hab Dir was zu sagen," kündigt Reis vor einem Song an, der sich auf erneut erfrischende Weise mit dem eigentlich ausgeleierten Thema Herzschmerz befasst und wendet sich zu Ente. "Hoffentlich nichts Billiges," sagt der ruhige Mann, der inzwischen die Synthies bedient.

Und weil sie es so gewohnt sind, setzen Schnipo Schranke nach der ersten Zugabe (in Form eines Liebesgeständnisses einer Hufflepuff-Schülerin an den großen Harry Potter) mit einem ekelhaften Cover eines ebenso ekelhaften Teeniehits noch einen drauf. Aus "Du trägst keine Liebe in Dir" wird mehr oder weniger elegant "Ich riech Deine Kotze nicht mehr". Statt mieser Stimmung hatten die beiden Wahl-Hamburgerinnen also doch Laune im Gepäck. Doch an ihre Jungfräulichkeit und unbefleckte Empfängnis glaubt nach diesem Konzert wohl keiner mehr.

Text:
Amelie Köppl
Geschrieben am
20. April 2016
Schnipo Schranke Schnipo Schranke
german, singer-songwriter, electronic, Indie, pop