Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Scooter - Can't Stop The Hardcore live in der Porsche Arena

Always Hardcore, ohne Widerrede.

Die Fahrt in Richtung Neckarpark ist wie die Ruhe vor dem Sturm. Die Bahn fast leer, das Bier läuft langsam und bis vor der Porsche Arena sind nur vereinzelt Fangesänge zu hören. „Spiel doch mal was von Scooter,“ rufe ich dem Straßenmusikanten auf der Brücke zu. Lächelnd schüttelt er den Kopf und interpretiert lieber weiter Idole des Rock'n'Roll.

Dabei beginnt der Abend wie ein normales Rock-Konzert. Pünktlich zur angesagten Zeit betritt ein Support-Act die Bühne, um den Massen einzuheizen. Der bayrische DJ & Producer Micar – ob verdient oder selbsternannt lassen wir mal dahingestellt – legt sich fast eine Stunde ins Zeug, um die Stimmung in der ausverkauften Arena in die Höhe zu treiben.

Am Anfang war der Knall.
Doch kein Track ist vergleichbar mit dem ohrenbetäubenden Knall aus dem Nichts, der funkensprühend die Menge vor Schreck die Luft anhalten lässt. Die Lautstärke steigt ins Unermessliche, als drei aufblasbare Riesenwindkerle ihre luftgefüllten Schlabberarme zum nun allgegenwärtigen „Oi!“ über die Bühne wehen lassen.

Wie aus dem Nichts erstrahlen Michael Simon und Phil Speiser jeweils zur rechten und linken Bühnenerhöhung an Synthies und Keyboards. Sogar eine E-Gitarre verirrt sich später noch in das Geschehen. Zwei lasziv bouncende Ladies im roten Lackkostüm zieren die Szenerie, aus der in wenigen Sekunden der größte Star des Abends heraustreten wird: H.P. Baxxter in schwarzem, pailettenbesetzten Shirt, schwarzer Lederjacke und frisch blondiertem Igelkopf.

Hoch die Hände, Wochenende.
„One (Always Hardcore)“ ist der nächste Schritt in Richtung Totaleskalation. Spätestens in diesem Moment ist klar, warum man am Eingang den letzten Rest Intellekt mit gutem Gewissen abgeben durfte: „Scooter is in the house – weeeeeeekeeeeeeend.“
Das Bier fließt, das Licht löst die Netzhaut in Luft auf und der Bass überspringt das Trommelfell und wummert direkt durch den kompletten Körper. Stillsteher haben keine Chance, vollbepackte Bierholer ebenfalls. Das Bier spritzt, alles freut sich, schreit und tobt. Nach nicht einmal einer Stunde hat sich die Porsche Arena in ein modernes Sodom und Gomorrha des Techno verwandelt. Die Frage, die man sich als Außenstehender stellen mag, wer ernsthaft seinen Samstagabend mit einem Scooter-Konzert verbringt, stellt sich nicht mehr. Alles löst sich in ohrenzerfetzendem Melodiechaos und schlicht strukturierten Texten auf.

Hirn aus, Spot an.
Vom „Respect to the man in the Ice Cream Van“ bleibt nach fast zwei Stunden nur ein auf Großleinwand eingeblendetes „döp, döp, döp, dödödöpdöpdöp“ und die zahlreichen optischen Sinneseindrücke verschiedenster Backgroundtänzer und wechslenden H.P.-Outfits. Alle sind restlos reizüberflutet, Kritik oder Objektivität ist nicht mehr möglich, geschweige denn, zu sagen, ob man vielleicht nicht doch ein Fan geworden ist.

Fest steht zum Glück aber: Man kann Scooter lieben oder hassen. Oder einfach zum Konzert gehen und nichts denken. Bei Scooter-Konzerten ist einfach kein Platz und keine Zeit für Gedanken, Scham oder Reue. Sie sind ohne Widerrede, die technoide Verkörperung des puren Rock'n'Roll.

Text:
Amelie Köppl
Geschrieben am
28. Februar 2016
Scooter Scooter
techno, dance, electronic, trance, happy hardcore