Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Sophie Hunger im Scala

Erst ist es still, dann explodiert alles. Oder: Wie eine von übermäßigem Talent gesegnete Künstlerin das Teilen nicht verlernt hat.

Von der ersten Sekunde an zieht Sophie Hunger uns in ihren Bann. Das Licht, der Sound, ihre volle Stimme - der Moment ist perfekt. Die Band klingt wie ihre dritte Hand an den Tasten, ihre siebte Saite und das unerreichbare Hohe C. Dissonanzen reihen sich an Harmonien und ein kleiner Synthiehauch umspielt den einsamen Spot, der Sophie Hunger in mystisches Licht taucht.
Das Publikum ist mucksmäuschenstill und klatscht nur ausgelassen, um zwischen den Songs kurz seinem Gefühl, heute Abend am richtigen Ort zu sein, Luft zu machen.

Immer wieder Vereinigung.

Sophie Hungers Musik ist experimentell und doch lässt sie niemanden stehen. Sie vereint Blues, Jazz, Soul und intelligenten Pop. Mal spielt sie mit kompletter Band, mal steht sie allein mit der Gitarre bewaffnet auf der Bühne und erzählt im Countrystil von ihren Träumen oder streichelt die Tasten ihres Flügels zu traurigem Gesang. "Supermoon", "Love Is Not The Answer", "Walzer für niemand", "Le Vent Nous Portera" - das für jeden Song neu arrangierte Bühnenlicht verursacht immer wieder kleine überraschte Herzsprünge.

Sophie Hungers Ansagen sind leicht ironisch, aber immer ins Mark getroffen ehrlich. Sie bedankt sich sogar beim Scala, dass sie bereits 2009 hier spielen durfte, als sie noch nicht, wie es Scala-Chef Edgar Lichtner höchstpersönlich in seiner Begrüßungslaudatio aufgegriffen hat, "explodiert" ist.

Alles oder nichts.

Sie singt eine halbe Stunde am Stück auf englisch, deutsch, französisch und switcht plötzlich in ihren schweizerischen Heimatdialekt: "Ich bin nur eine Idee von dir, so wie du sie willst. Du bist nur eine Idee von mir, so wie ich sie brauche." Eine Frau schluchzt halblaut in der letzten Reihe, so ergriffen ist sie. Dann folgt ein Stimmungsumschwung zu "Spaghetti mit Spinat". Sophie Hunger lässt die Traurigkeit hinter sich und interagiert plötzlich mit einem Zuruf aus dem Publikum. Es wird immer mehr improvisiert, sprechend gesungen, geschwooft und appelliert. An Frauen, an Mütter, nochmal an Ludwigsburg und an einen selbst.

Sophie Hunger ist ohne aufdringlich zu sein hinreißend vielseitig. Sie hält einem ihr fast schon unfair anmutendes Talent nicht vor, sie sprüht förmlich vor Energie, um es mit allen Anwesenden zu teilen. Man hört und spürt immer, dass sie am Hebel sitzt und sich selbst genau im richtigen Moment im rechten Licht erstrahlen lässt. Definitiv eine Frau, mit der man gerne zusammen mal ein paar Gläser über den Durst trinken und die man vor allem bald wieder live sehen möchte.

Text:
Amelie Köppl
Geschrieben am
15. September 2016
Sophie Hunger Sophie Hunger
singer-songwriter, folk, female vocalists, swiss, pop