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Spaceman Spiff im Keller Klub
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Spaceman Spiff im Keller Klub

Ein Abend zwischen “Kant und Peter Pan“ - oder: Warum Worte für einen Abend suchen, wenn sie der Künstler selbst schon gefunden hat?

Zugegeben, als ich den Namen Spaceman Spiff das erste Mal hörte, stellte ich mir einen jamaikanischen, dreadlockbehaarten, in blaue Nebelschwaden gehüllten Reggaemusiker vor. Ich war dann doch ein wenig verwundert, als meine Maifeld Derby 2013-Entdeckung Enno Bunger jenen Herren auf seiner Facebook-Fanpage supportete (was ein Scheißwort!). Egal: Reingehört. Vorurteil verworfen und als Freud’schen Verdenker abgetan. Für gut befunden. Hingegangen. So einfach ist das. Gott sei Dank.

Den Abend eröffnet um kurz vor neun Short Story Sports, ein Singer Songwriter aus Würzburg im typischen Singer Songwriter Look: Die klassische enge, umgeschlagene Hose, dazu trägt er Bart im Gesicht, die Gitarre um den Hals und ab und zu - natürlich - eine Mundharmonika im Sixties-Einspanner. Er selbst sei jedoch jüngeren Kalibers, betont er. Die Musik plätschert so an mir vorüber. Vom Text mag nichts so richtig bei mir hängen bleiben. Ich bin aber auch müde. Ich mag seine Stimme bei den tieferen Liedern. Leider war es nur eins. Sonst singt er immer recht hoch und kommt tonal an seine Grenzen, wie ich finde. Ich bin aber auch müde. Zum letzten Stück kommt schon mal Hannes von Spaceman Spiff auf die Bühne. Er bringt seine Gitarre mit und einen Haufen Bühnenpräsenz. Beide harmonieren toll. Ich bin immer noch müde, aber nicht mehr so arg.

Nach einer kurzen Umbaupause betreten Spaceman Spiff zu viert die Bühne. Ohne große Vorwarnung geht es direkt los mit Vorwärts ist keine Richtung. In diesem Falle schon, denn ich bin plötzlich hellwach. Statt wie gewöhnlich als Trio stehen sie nun zu viert auf der Bühne und hauen in Saiten und auf Felle. Alex, meine Fotobegleitung, kommentiert diesen Einstieg mit einem fachmännischen „Alter!“. Das Lied geht unvermittelt und - anders als auf der Platte - nach vorne bzw. nach unten in die Beine und die Zeilen direkt durch den Gehörgang ins Hirn und Herz.

*“aber nur weil's uns nicht gut geht, heißt das nicht, es geht uns schlecht“ *

Das passiert mir im Laufe des Abends noch öfters, dass Textzeilen einfach an mir kleben bleiben.

Der Vierte im Bühnen-Bunde ist ein bekanntes Gesicht: Felix überzeugte jüngst bereits mit seiner Band Die höchste Eisenbahn im Merlin. Nahtlos geht es weiter mit Hier und der Wahnsinn, welches Hannes mit geschlossenen Augen und immer wieder auf Zehenspitzen singt.

“ich bin nicht besonders groß, nur so groß wie meine kunst… und kunst ist nur so groß, wie man sie teilt" (Tee)

Mit „Hallo, ihr lieben Menschen“ begrüßen sie das Stuttgarter Publikum. Prompt schallt „Hallo, Hannes“ zurück. Kommunikation mit dem Publikum klappt schon mal. Diese wird mit Zeilen, wie „Ohne Proben ganz nach oben“ oder „cfg, wir fahren auf Tournee“ weiter vertieft. Es folgt Mind the Gap.

“...und die u-bahn hält, was sie uns verspricht“

Genauso wie der Abend. Nur aussteigen möchte noch keiner, weder auf noch vor der Bühne. Ich schaue ins Publikum. Stuttgart wahrt noch Sicherheitsabstand und hat sich im obligatorischen, verhaltenen Halbkreis vor der Bühne versammelt. Dennoch ist die erste Reihe von Beginn an textsicher. Und es sind nicht nur Mädchen. Felix ist das auch aufgefallen und versucht die Lücke mit einem tiefen Griff in die Argumentationstrickkiste zuschließen: Man munkle, dass der Sound direkt vor der Bühne noch viel besser sei. Das zieht nicht, der Schutzraum wird nicht verlassen. Aber Recht hat er trotzdem. Man hört am Bühnenrand David an der Gitarre mitsingen, obwohl der weit weg vom Mikro steht. Das Glockenspiel ist seine Profession - so heißt es - , die Gitarre seine Passion. Allgemein scheint Felix große Freude daran zu haben, seine Bandmitglieder vorzustellen. Über Jonny am Schlagzeug erfahren wir am meisten: Er hat heute Heimspiel, spricht fließend Schwäbisch, mag den VfB und Hofbräu. Daran nippt er aber nur heimlich, denn Mama ist heute auch da. Außerdem kennt er sich gut mit viersaitigen Gitarren aus - die spielt ja der Felix - lässt die anderen trotzdem immer bei Quizduell gewinnen. Nett ist er also auch noch. Wir erfahren auch, dass Hannes frisch gekaufte - aber ungewaschene - Unterwäsche und Socken trägt. Rewe sei Dank. Da passt die Zeile:

"brauch nicht meilenweit zu laufen, wenn ich frier, warme socken gibt's auch hier"

Klingt jetzt wie ein schlechter Werbejingle, aber stammt aus dem zweiten Stück des Abends Hier und der Wahnsinn, an das ich jetzt zurückdenken muss und das ganz und gar nicht schlecht ist.

“sag bescheid, wenn es zeit ist zu bleiben" (Zeit zu bleiben)

Bescheid!

Ich höre und schaue weiter, während die Zeit nur so an mir vorbeifliegt und aus nahezu jedem Lied mindesten eine Zeile an mir kleben bleibt.

“man kann nur mittelmäßig malen, auf einem vollen blatt papier...“ (Milchglas)

“und doch fühl ich mich wie ein schneemann, dessen lieblingsmonat mai ist“ (Hamburg)

“und all die menschenhände, sie tragen gegenstände durch all die häuserwände irgendwo hin, aber keiner trägt den sinn" (Der Tag, an dem ich nicht verrückt wurde)

“meine freunde fallen um und auseinander, sie tun sich schwer und tun sich leid“ (Teesatz)

“ist das hier eine weiche oder bin ich schon entgleist“ (Straßen)

Bei Straßen, dem letzten Lied vor der Zugabe, brettert Jonny aufs Schlagzeug, dass fast die Zuckerwatte von den Schlegeln abfällt, David haut so sehr in die Saiten, dass der Mund mit seinen Ausgleichsbewegungen kaum hinterherkommt und Hannes geht auf die Knie. So sehr sind sie in ihrer Musik versunken. Sie gehen von der Bühne und verstecken sich kurz hinter der großen Säule. Die Teufelskerle. Hide and Seek üben wir wohl noch mal. Hannes kommt allein zurück und spielt Wände.

"du kamst für den strand unter den füßen und gingst mit sand in den schuhen [...] und dein mut baut sich ein fahrrad aus zweifel und fährt darauf davon [...] doch meine angst baut sich ein u-boot aus neugier und taucht darin davon"

Ich könnte aus diesem Lied noch mehr zitieren, so großartig ist der Text.
Am Ende tritt er vom Mikro zurück und singt den Rest des Liedes unplugged. Ganz ruhig ist es im Keller Klub. Sogar mein Bier muss ich flüsternd bestellen.
Die Stuttgarter haben „Bock auf Hannes’ Jungs“ und so kommen sie für Schnee und Han Solo zurück.

Und dann ist auch schon alles vorbei. Huch, schon viertel nach elf.

Was soll ich sagen: Spaceman Spiff ist musikalisch, textlich top und live zudem unheimlich unterhaltsam und erfrischend. Seine Zeilen verhaken sich immer wieder in meinen Gedankengängen, ohne dass ich davon Kopfschmerzen bekomme. Sie sind metaphorisch, dass ich kurz innehalten musste, aber dennoch so eingängig, dass man spontan etwas damit anfangen kann, wenn man kognitiv einigermaßen auf der Höhe ist. Trotzdem so durchdacht, dass die Texte beim zweiten, dritten, vielten Hören immer weitere Perspektiven im eigenen Gedankengut auftun. Spaceman Spiff läuft für mich dem Krämer Moritz textlich und hinsichtlich der Wiedergabehäufigkeit der Lieder auf meinem Mp3-Player den ersten Rang ab. Ich werde ab heute wohl nicht mehr nur zuhause "krämern", ich werde viel öfters "spiffen"!

Aber ich kann diesen Abend nicht so angemessen in Worte fassen, wie der Künstler selbst:

“hin und her und hin und weg

Text:
Isabel Thalhaeuser
Geschrieben am
29. Januar 2014
Spaceman Spiff Spaceman Spiff
singer-songwriter, acoustic, german, Indie, singer/songwriter