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Tübingen Lauscht Songwriter Festival (das Festival)
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Tübingen Lauscht Songwriter Festival (das Festival)

der Festival-Check

Nach einer Woche Hitze und Sonne kann es für ein ein-Tages-Festival in Tübingen nur ein Outfit geben: T-Shirt, kurze Hose, fertig. Ich bin nicht sicher, warum das so ziemlich jeder auf dem Marktplatz dieser süßen Stadt im schwäbischen anders sieht. So kommt es, dass mit den ersten Regentropfen ein Bad aus Regenjacken, Pullis und Schirmen entsteht. Ich kann da nicht mithalten, finde aber wenigstens einen Plastiksack für die Kameratasche.Olli Schulz ist noch vor vier da. Zum Soundcheck, der zwei Minuten dauert. Eine Minute später kommt er wieder, von Bernd Begemann angekündigt (zu ihm später mehr), freut sich, da sein zu dürfen und kündigt Hektik an, man gibt ihm nur eine halbe Stunde Zeit auf der Bühne. Als Charmebolzen und Entertainer ist er großartig.Den direkten Anschluss ohne Soundcheck übernimmt Gisbert. Er hat wieder die Musik-ist-scheisse-Gitarre dabei und Jens Fricke als Band. Keine Ahnung warum man den Knyphausen nach Olli Schulz nach oben schickt, aber ich werde heftig aus fröhlich-sinnloser Musikunterhaltung herausgerissen, rüber zum schweigsamen und wortgewaltigen Gisbert, der schon wieder den Eindruck macht, harte Arbeit verrichten zu müssen. Halt trotzdem gute Musik.Man darf sich nur nicht ablenken lassen von den beiden ins Publikum gerichteten Scheinwerfern die da auf der Bühne stehen. Mag sein, dass es für den Künstler spannend ist, auch mal ein beleuchtetes Publikum vor sich zu haben (was am frühen Abend auch noch nicht viel Sinn macht), aber mich nervt’s.Ich schaffe es gerade noch, das ein oder andere Bild zu knipsen, bevor die Wolken sich entscheiden, noch etwas mehr Wasser zu lassen. Manch einer schaut mich schräg an, wie mir der Regen das Gesicht runterläuft und eventuell kann man mir auch den im Schuh ansehen. Bleibt also nichts übrig, als die kurze Pause vor Lloyd Cole zu nutzen, den Bus aufzusuchen in der Hoffnung, darin Kleidung zu finden. Auf diesem Weg durch Tübingens Altstadt bin ich etwas überrascht von Menschen, die sich in snobistischen Weinbars und ekligen Imbissläden tummeln, statt wunderbarer Musik vierhundert Meter weiter zu lauschen. Darunter sitzt wohl auch die Dame aus dem Supermarkt, in dem ich vor zwei Stunden war und an der Kasse fragte, wo denn jetzt genau das Festival ist. Festival? Check ich nicht.Im Bus gibt es ein Handtuch und einen Pulli. Spitze!Zurück am Bühnenrand hat Lloyd Cole bereits angefangen. Für seine Musik braucht es etwas mehr Aufmerksamkeit und nicht alle sind bereit, ihm die zu gönnen. Den oft refrain-freien Stücken zu folgen wäre etwas leichter wenn Lloyd auf die zehn Zentimeter Abstand zwischen ihm und dem Mikrofon verzichten würde. Aber geht schon und was er da zu singen hat zeugt von viel Erfahrung und großer Menschenkenntnis.Jetzt meldet sich der Magen und da muss dringend was rein. Wenn man dazu auch den Marktplatz verlassen muss, haben die Organisatoren eine andere wichtige Aufgabe mit Bravour gelöst: gutes Festivalbier. Und nächstes Jahr denken wir dann auch an den ein oder anderen Mülleimer, ne.Weiter mit Ezio. Ein paar Unstimmigkeiten zwischen Frontmann und Tonmann, aber dann passt auch alles und wie immer bei dieser Band fragt man sich, warum sie nicht viel erfolgreicher sind. Der Gitarrist legt seine Gitarre, die an ihm wie ein Kinderspielzeug aussieht, gemächlich auf dem ausladenden Bauch ab und legt dann ein Spiel hin, das man diesen pummeligen Fingern niemals zugetraut hätte. Textlich geht es um Alkohol auf dem Rad und andere wie ich finde aus dem Leben gegriffene Geschichten.Fehlt noch Nada Surf. Die Jungs nehmen auf Stühlen Platz, bringen einen Kasten Bier mit und scheinen sich sichtlich wohl zu fühlen. Gleich das zweite Stück ist Inside of love, sodass es vor der Bühne noch mal etwas enger wird. Im Wettbewerb um die meisten schmachtenden Blicke muss sich Gisbert heute geschlagen geben. Erst recht, wenn man die lächelnd Tanzenden noch dazu nimmt. Auch ich stehe mit geschlossenen Augen da, wozu die bereits erwähnten Scheinwerfer ihren Teil beitragen. Bandgast Martin Wenk (sonst bei Calexico) heimst mit seinen Trompeten-, Akkordeon- und Keyboardeinlagen alle Sympathien ein und so wird das ein äußerst gelungenes Ende eines überzeugenden Festivals.Zwischen all dieser Musik ist Bernd Begemanns Aufgabe, die Pausen zu füllen. Mit unnachahmlicher Improvisation im Satzbau und Sinnbild verlost und verschenkt er Alben aus dem Hause Tapete Records. Und wer beantworten kann mit wem Ezio das erste Album aufgenommen hat, der hat auch so eine Scheibe verdient. Es sind also alle zufrieden als Bernd die Menge in die Nacht entlässt mit den prägenden Worten: Feiert! Feiert! Feiert! . Wäre schon wichtig, dass die Tübinger nächstes Jahr wieder lauschen.Tatsächlich ist das Festival noch gar nicht zu Ende. Es wartet noch viel Musik in vielen Tübinger Clubs und ich entscheide mich für das Epplehaus und Hannes Orange. Der braucht ein, zwei Lieder Anlauf, hat dann aber wirklich schöne Sachen, zu denen die monotone elektrische Gitarre vielleicht nicht immer passt. Im Anschluss wechselt er an den DJ-Tisch und dann wird die Party richtig gut. Der tanzbarste Indie-Mix, ohne Pause, ohne Luftholen. Da kommen die Jungs von Nada Surf gerne dazu, wo doch auch das Bier hier so günstig ist. Und hübsche, blonde, junge Groupiegirls sind auch da. Mein Pulli ist jetzt auch nass, aber es gibt nichts mehr zum Wechseln.Könnte jetzt ja auch reichen. Ist aber noch nicht alles. Auf dem Rückweg zum Bus durch die Altstadt erklingt ein kleiner Chor mit Gitarre. Und da steht Fabian Simon auf dem Platz vor der Kirche und singt und spielt mit ein paar Leuten.Fazit: ein guter Tag.

Text:
Manuel Niedermann
Geschrieben am
22. Juli 2010
Olli Schulz Olli Schulz
singer-songwriter, Indie, german, deutsch, hamburg
Gisbert zu Knyphausen Gisbert zu Knyphausen
singer-songwriter, german, Indie, deutsch, indie pop
Lloyd Cole Lloyd Cole
singer-songwriter, alternative, pop, 80s, scottish
Ezio Ezio
singer-songwriter, rock, guitar, acoustic, british indie
Nada Surf Nada Surf
Indie, indie rock, alternative, rock, alternative rock