Kulturpegel

 
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Ein Abend. Ein Künstler. Eine Flasche Wein.
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Ein Abend. Ein Künstler. Eine Flasche Wein.

Thees Uhlmann kredenzt Lebensweisheiten wie süßen Wein. Und zwar von der Sorte, die selbst zehnjährigen Kindern schmeckt.

Spätlese vom Südhang.
Die Lesung eines Autors bietet dem Interessierten ja oft mehr, als das profane Vorlesen vermuten lässt. Sie kann Deutung oder Interpretation des Werkes sein. Das Lüften der geheimen Andeutungen der Zusammenhänge zwischen lyrischer Realität und schnödem Sein der realen Welt. Oder auch einfach nur ein witziger Abend voller Anekdoten, Wein und schäbigen Wahrheiten. Eine Schorle aus all jenem bot uns Thees Uhlmann am Dienstag im Wizemann.

Gott ist eine schwule Frau.
Der bestuhlte Club ist gut besetzt und recht pünktlich betritt ein prächtig gelaunter Autor die spartanische Bühne: Stuhl, Tisch, schwarzes Tischtuch und Mikroständer. Da braucht der Soundcheck auch nur eine Minute. Dies ist eine völlig neue Erfahrungen für einen der "Altvorderen" Rocker unserer Nation, denn mit Tomte dauerte das gerne schon mal etwas länger. Der Autor ist selig heute. Es ist der Abschluss seiner Lesereise. Dennoch müssen diesem Abend einige ernste Worte vorausgeschickt werden. Wie schon vor einem Jahr, als er in Zürich gelesen hat, sind auch am heutigen Dienstag Terroranschläge in Europa verübt worden. Bei aller Trauer dürfe dies aber nie dazu führen, dass die Menschen sich den Spaß und die Freude am Leben nehmen lassen. Für ihn ist Gott auch nicht die klassische Altherrenfigur. Nein, für ihn ist es eher eine Frau, am besten schwul, die sich fragt, wozu es einen Gott geben soll. Sie grübelt über diese hoch philosophische Frage an einer Bar und würde es ganz bestimmt nicht ertragen, zu sehen, was Menschen vermeintlich in ihrem Namen tun. Trotz dieser ernsten Worte sollen auch heute schlechte Witze gemacht werden, gell "Stuggi, also nicht der Barre". Der Running Gag des Abends ging ganz klar auf Kosten des Kollegen Stuckrad Barre.

Einbandfrei.
Der Abend beginnt, Thees liest: Den Einband, die Widmung und dann, tatsächlich das erste Kapitel. In dieser ersten Hälfte wird weit über eine Stunde viel gelesen. Zwischendurch gibt es dann den eigentlich spannenden Teil,: Einblicke in Thees' Leben, seine Weisheiten und die Info, warum er denn nun eigentlich dieses Buch geschrieben hat, obwohl sein Vertrag mit KiWi schon ganze 12 Jahre alt war. Nie hatten Verlag oder Lektorin gezweifelt, dass in ihm ein Buch schlummert. Er schon. Dennoch nahm er den Vorschuss dankend an.

Autorbiografisch.
Interessant für den Leser ist oft, wie der Autor selbst die Charaktere intoniert und sogar, welche Gestik er ihnen angedeihen lässt. Gerade in der ersten Hälfte lernen wir viel über Sophia und ihren Vater, das man nicht direkt aus dem Buch erschließen kann. Wie bei eigentlich so vielen fiktionalen Werken hat der Inhalt natürlich nichts mit dem Autor selbst zu tun. Wie käme man denn bloß darauf? Als hätte jeder zweite Leser sich in so vielen Situationen immer Thees als den wahren Protagonisten vorgestellt? Dieses Werk ist in Teilen durchaus autobiografisch, die passenden Stellen hebt Herr Uhlmann immer wieder mit einem Zwinkern hervor: "Nein hat nichts mit mir zu tun das Buch, auf keinen Fall".

Mama Schluss jetzt.
Zur zweiten Halbzeit geht es dann auch etwas bodenständiger zu. Statt einem Glas Wein bringt man direkt die Flasche auf die Bühne. Statt zu lesen und ein bisschen zu erzählen, erzählt er viel und liest nur wenig. Das ist auch gut so, kennen die meisten doch ohnehin den Roman, aber nicht das Drumherum, das den Autor dazu inspiriert hat. Auch das Leben des Autors Thees Uhlmann ist sicher etwas anders als das des klassischen Rockers. Und die schönste Kritik kommt am Ende doch immer von den Menschen, die einen lieben: "Mama, mein Buch wird Buch des Monats beim NDR" - "Warum das denn?". Nicht alles, was an diesem Abend geschieht, sollte man dokumentieren. Vieles ist nur aus dem Zauber des Augenblicks verständlich und einiges sollte man auf jeden Fall nicht Twittern. Thees will sein Publikum am Ende gar nicht gehen lassen und so endet der Abend erst, als auch der Wein zur Neige gegangen ist. Es sind viele schöne Erinnerungen, die das Publikum mit nach Hause nimmt und vielleicht liest der ein oder andere das Buch nun mit einem anderen Blick, beachtet die Minus Zwei und lässt sie in der Halle der Zahlen tanzen.

Text:
Tobias Leicher
Geschrieben am
23. März 2016
Thees Uhlmann
singer-songwriter, german, Indie, grand hotel van cleef, hamburg