Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Tocotronic im LKA Longhorn

20 Jahre Texte, Töne, Theorie: Die Pop-Intellektualität Deutschlands hat zur Diskurs-Retrospektive in ihr Wohnzimmer geladen. Wir kommen für die Häppchen und bleiben für die Musik.

Wir alle kennen ihn. Diesen einen Lieblings-Onkel, großen Bruder oder grau melierten Typen, der immer noch in der WG über uns wohnt. Er schreibt in Wirklichkeit viel zu gut für das Lokalblatt, dozentiert im Plattensammeln und unterrichtet kreatives Schreiben im Nebenjob. Er ist der einzige, der in diesem Club, der Radiohead und Sonic Youth noch im Programm hat, wortlos seinen programmatischen Drink kredenzt bekommt. Und sein Britpop-Hüftschwung schleppt immer noch eigenmächtig Frauen ab. Unserer nennt sich einfach von Lowtzow und er hat heute in sein Wohnzimmer geladen. Er möchte über seine unfertige Thesis über die Entwicklung von Alternative sprechen. Seit 20 Jahren arbeitet er daran. Wir denken an seine grandiose Plattensammlung und an sein Händchen für guten Wein – und willigen ein.

Great minds like a think.
Und da steht es plötzlich. Das lange, schmale Antlitz des zurückhaltendsten Avantgarden der linken Subkultur der Bundesrepublik. Zwischen zwei geradezu familiär wirkenden Vorhängen, die die Seitenteile der Bühne des LKAs verhüllen. Eng umschlungen mit seiner Vintage-Gitarre, schenkt er Stuttgart einen seiner selbstbewusst gequälten Blicke. Wir beginnen mit unserem Prolog, haucht die kratzige Stimme in sein Mikro. Und der allen Popkitsch ad absurdum-führende Glitzer-Vorhang katapultiert ihn verlustfrei unters dicht gedrängte Volk. Das Publikum ringt nach Luft, hält sie während Ich öffne mich zwischen den geschlossenen Lippen und prustet sie bei Digital ist besser schließlich gemeinsam mit Händen, Armen und Haaransätzen exaltiert in die Lüfte.

Denn dieser Abend ist dem Dekonstruktivismus gewidmet. Das der Hansestadt längst entwachsene Quartett zerstückelt den rohen, ausgefransten Sound ihrer 90er Platten und führt ihn in einer von Weltsicht umgarnten Lässigkeit im transparenten, zuckersüßen Pop des aktuellen, roten Albums neu zusammen. Denn was ein Großteil der Hörerschaft in der Ikonisierung des Nihilismus oftmals vergessen hat, ist, dass es stets die Idee der Band war, "zwischen den beiden Polen Rock und Pop zu oszillieren.", so von Lowtzow in einem Interview. So formt sich unter den sonischen Eskapaden der Scheideweg der Anhängerschaft zwischen damals und heute in einen Kreis um und vereint jung und alt in der schlichtweg ausgelassenen Stimmung einer perfekten Rock Show.

Auf der Suche nach der verlorenen Kritik.
Denn die zwanzig Jahre auf dem halb geneigten Buckel von Lowtzows sprießen zu jeder Sekunde aus der Bühne in die Ewigkeit. Ob in der perfekt abgestimmten Lichtshow, die die alle Dramaturgie-Bögen umspannende Setlist zwischen Samstag ist Selbstmord und Zucker der hungrigen Anhängerschaft wohlschmeckend zum Fraß vorwirft. Oder in den kurzen, sympathischen Ansagen von Lowtzows, die das Publikum wie ein kleines Kind bei der Hand nehmen und es schlussendlich dazu bringen, doch von selbst zum Takt in die Hände zu klatschen.

Denn wie es eben so ist, wenn man eigentlich nur auf ein, zwei Bier bei seinem großen Bruder bleiben wollte. Am Ende will man gar nicht mehr gehen. Und so fühlt sich die zweite Zugabe nach Neues vom Trickser und Let There Be Rock, das grandiose Pure Vernunft darf niemals siegen auch nicht wie die stumpf ausgeführte Wiederholungstat an, sondern wird euphorisch klatschend verlangt und begleitet. Denn der Begeisterung sind in diesem luftleeren Raum zwischen Alltag und Repetition, zwischen Planungswut und Revolution keine Grenzen gesetzt. 22 Jahre ohne Schnickschnack! verkündet von Lowtzow zum Ende hin. Das können wir glückselig unterschreiben und hoffen auf mindestens 22 weitere.

#NousSommesUnis
Doch wie fragil dieses Glücksgefühl ist, und wie schnell es zerstört werden kann, zeigen uns die schrecklichen Nachrichten, die uns kurz danach ereilen. Denn die traurige Botschaft der dunkelsten Nacht in Paris, ausgelöst von einer schrecklichen Terror-Serie, überschattet unseren Konzertabend und hüllt ihn in einen Schockzustand. Dies können und wollen wir hier nicht verschweigen. Unsere Gedanken sind bei unseren Nachbarn. Denn gerade jetzt ist es an der Zeit, noch enger zusammenzurücken und die gemeinsamen Werte, für die wir stehen, hochzuhalten. So möchten wir mit ein paar Zeilen aus von Lowtzows Ich öffne mich schließen, die das furchtbare Ereignis erschreckend vorweggenommen haben:

Ich öffne mich
Ich war zu lange gefangen
Zusammen können wir
Nach draußen gelangen.

Text:
Michael Maria Morgenbesser
Geschrieben am
14. November 2015
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Indie, german, hamburger schule, alternative, rock