Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Tocotronic + Ilgen-Nur im Theaterhaus

Liebenswerte Snobs im Best-of-Modus.

Die Reihen das fast ausverkauften Theaterhauses sind bereits prall gefühlt, als Ilgen-Nur mit Ihrer Band um 20 Uhr die Bühne betritt. Gefälliger Gitarren Pop mit geschmeidigen Arrangements wird dem Publikum während ihres knapp 40-minütigen Sets dargeboten. Dabei zeigt sich vor allem Frontfrau Ilgen-Nur als variable Interpretin und sympathische Performerin, die es versteht ein Publikum zu unterhalten, das eigentlich aus einem ganz anderen Grund gekommen ist, nämlich logischerweise wegen Tocotronic. Nachhaltigeren Eindruck hinterlässt ihre Musik aber nur bedingt. Dazu wirkt die Live-Darbietung ihrer Musik einfach eine Spur zu schablonenhaft und vorhersehbar, wenngleich sie stimmlich öfters anzudeuten weiß, wozu sie in der Lage ist, vor allem bei den etwas punkigeren Stücken.

Als Tocotronic kurze Zeit später die Bühne betritt, werden sie vom Stuttgarter Publikum, das zu guten Teilen aus, mit den Helden ihrer Kinderzimmer im Gleichschritt gereiften, Best-Agern besteht, frenetisch empfangen. Bereits mit dem ersten Stück des Abends, „Die Unendlichkeit“, geben sie die Richtung für diesen Abend vor. Und diese Richtung heißt: Energetischer Indy-Rock mit rotziger Attitüde, maskiert mit nachdenklichen, niemals beliebigen Texten. Also back to the roots quasi und weg von seichteren Nebenstraßen, die diese Band in der Vergangenheit auch schon mal als Abzweigung nahm. Während der folgenden mehr als anderthalb Stunden schrammeln die Gitarren von Dirk von Lowtzow und Rick McPhail, es knurrt der Bass von Jan Müller und groovt und rockt das Schlagzeug von Arne Zank, dass es eine wahre Freude ist. Mit soviel lässiger Souveränität und ungebremsten Spielwitz hat man die Tocs länger nicht zu Werke gehen sehen. Da fällt es auch dann nicht so stark ins Gewicht, dass von Lowtzow, zur Einleitung von „Aber hier leben“, ein wenig über den mangelnden Enthusiasmus des Stuttgarter Publikums witzelt, das sich einen Vergleich mit der Essener (!) Zuhörerschaft vom Vortag gefallen lassen muss.

„Kapitulation“, „Wie wir leben wollen“, „This Boy“, „Zucker“, „Mach es nicht selbst“ - Tocotronic spielen die Hits jeder ihrer Schaffensperioden und Alben, wovon sie in ihrer inzwischen 25-jährigen Bandgeschichte ein ganze Menge angesammelt haben und wegen derer sie nicht nur vom Stuttgarter Auditorium an diesem Abend geliebt werden. Dirk von Lowtzow war schon immer ein gescheiter Kopf, umsichtiger Beobachter und interessanter Geschichtenerzähler, der mitunter verdeckte, wie transparent und facettenreich diese Band zu rocken weiß. Live wird dieser Umstand an diesem Abend dafür sehr deutlich, denn die Band spielt wie aus einem Guss und begeistert das Publikum ohne Unterlaß. Nachdem die Gruppe ein zweites und drittes Mal von den Zuhörern auf die Bühne zurückbeordert wir und noch ein paar alte Klassiker wie „ Alles was ich immer wollte“, „Freaks“ und „Sommer“ spielt, sind alle, alte Fans und neuere, in Freude vereint mit einer Band, der man ihren dezent versnobten Gestus gerne nachsieht und als eigenwillige Verschrobenheit gelernt hat, zu akzeptieren. Manchmal wünscht man sich vielleicht noch eine Prise mehr (Selbst-)Ironie bei den Hamburger Herren. Aber das kann ja auch noch kommen, vielleicht in den nächsten 25 Jahren dann.

Text:
Mike Rilling
Geschrieben am
10. April 2018
Tocotronic Tocotronic
Indie, german, hamburger schule, alternative, rock