Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Tristan Brusch auf Fischtour im Goldmark's

Die Erwartungen waren hoch, doch sie wurden übertroffen. Aber anders, als man vielleicht erwartet hätte.

Zuerst war da dieses Duo namens Alaska. Er an den E-Drums und Effektgeräten, sie an den Keys und noch mehr Effektgeräten. Alles, was man vorab über diese beiden zu hören bekam, ist schwach gegen die Wucht, mit der sich Alaskas synthieverzerrte Popsongs durch das gedrungene Goldmark's schieben.

Dann Tristan Brusch, auf den ersten Blick immer als leicht trashiger neuer Popfaktor wahrgenommen und nun? Allein sitzt er da an den Tasten und singt ganz in weiß neben einer kleinen Schwertfischfigur über Psychiater, Gesichtschirurgen und die einzig wahre Liebe.

"Ich will euch riechen können!"
Bei "Lügen" findet zum ersten Mal die überaus schmucke Band aus lässigen Sonnenbrillen- und Hemdträgern zusammen. Bruschs Lieder sind spannend und direkt. Immer wieder wirft er einen durchdringenden Blick in die Augen vereinzelter Zuschauer. "Ich will euch riechen können, kommt näher", verkündet er und freut sich verstohlen über ein fast volles Haus.

Apropos riechen. "Es riecht nach Zuckerwatte, Rauch und verschüttetem Bier. Wenn du dich traust, verschütt' ich mich dir." Aus dem hintersten Teil des kleinen Liveclubs befördert Tristan einen seiner treuen Supporter kurz in die Mitte des Geschehens: Orsons-Part Bartek ist heute Abend der persönliche Schnaps-Butler des Sängers. Frisch mit Wodka Honig gestärkt geht es an sein erstes quasi-feministisches Lied: "Ich weiß, du hattest nur kurz echte Liebe ausprobiert. Da kannst du nichts dafür." Na ja, das mit dem feministisch sein üben wir halt nochmal.

"Mama sagt, das ist okay."
Immer wieder nickt Tristan Zustimmung suchend ins Publikum. Alle hängen an seinen Lippen, wo er Songs über das "klebrige Grün" und das "trostlose Rot" zum Besten gibt. "Ich schreibe immer das gleiche Lied. Nur manchmal geh ich einkaufen und kaufe dem Lied neue Kleider", plaudert er zwischendurch über sein Songwriting.

Mit seiner leicht rauchigen und ebenso samtigen Stimme gesungen, ähneln Tristan Bruschs Songs der abgründigen Herzlichkeit von Element Of Crime oder einer bonbonfarbenen Variante der Gisbert'schen Melancholie. "Bleib doch einfach hier" beweist das. Alle Summen und flüstern mit. "Die Hoffnung ist ein großer schwarzer Hund mit Schaum vor seinem Mund" säuselt Tristan Brusch ins Nichts starrend. Mit "Heute Häute Ich Mich Selbst" wird es dann endlich wieder einen Hauch mehr funky. "Die Glut in euren Lenden kommt in meinem Herzen an", singt Tristan Brusch. Auf die Frage, wie nochmal der nächste Song heißt, er habe es vergessen, ertönt ein lautes "Geilheit!" auf dem Wodka-Honig trunkenen Off. Weil die Antwort eigentlich "Fisch" gewesen wäre, sind alle plötzlich zehnmal beweglicher und strahlend am mitsingen. Tristan Brusch strahlt ja auch so schön zurück.

Nach "Mein Bester Freund" gibt es noch eine einsame Zugabe des Sängers, von dem wir heute vielleicht alles erwartet haben, nur nicht, dass er alle Erwartungen übertrifft.

Text:
Amelie Köppl
Geschrieben am
11. Februar 2016
Tristan Brusch Tristan Brusch
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