Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Turbostaat im Franz K.

Ein Ausflug zur Familie.

Zeit für eine kleine Fahrt nach Reutlingen. Mitten in der Stadt und umgeben von schmucklosen Einkaufsläden und Arztkomplexen befindet sich das Franz K., das nach wenigen Sekunden mit dem Charme eines alten Kinos aufwartet. Ein hübsches Pils in der Hand, eröffnet auch schon Ein Gutes Pferd den Abend. Die Musik stimmt, die Stimmung noch nicht so ganz. Die Band legt sich ins Zeug, doch die zugegeben etwas ähnlich klingenden Songs sorgen nur selten für aufregende Konzertmomente. Im Großen und Ganzen schlagen sich die Deutschpunker aber solide und machen Lust auf die nächste Runde.

Wahrscheinlich waren 90 Prozent der Menschen, die das französische Kulturzentrum in Reutlingen anlässlich des Turbostaat-Konzertes bevölkern, schon mindestens ein Mal bei einem Liveauftritt der Band. Nur so kann man sich die zahlreichen Variationen von Bandshirts und die rasende Textsicherheit des Publikums beschreiben. Ziemlich schnell bildet sich in der Mitte des Saals ein kleiner Pulk, der sich euphorisiert durcheinander wirft. Auf der Bühne ist man ebenfalls amüsiert und die Hüften werden allen voran von Sänger Jan Windmeier standesgemäß geschwungen.

Gespielt werden Songs aus allen sechs Alben der Flensburger. Verschnaufpausen dagegen gibt es kaum. Viel zu sehr haben es sich Turbostaat zur Aufgabe gemacht, nach dem entfallenen Konzert im vergangenen Herbst heute alle Register zu ziehen. Und man fühlt sich fast schon wie zuhause bei der Familie, wenn man im Publikum angesprochen wird, die Band einem die Möglichkeit gibt, zur Krönung des Tages noch jemanden anzuschreien und sich am Schluss ein ganzer Haufen Menschen in den Armen liegen.

Verschwitzt, angesoffen und mit rauher Kehle wird am Ende nach mehr gerufen. Zwei Zugaben werden gespielt und, wenn es nach all den Fans in Reutlingen geht, hätte auch eine dritte Zugabe nicht geschadet. Was bleibt ist der neue Song "Die Tricks der Verlierer", der trotz tagespolitischer Thematik bei vielen auf musikalisch gemischte Gefühle stößt und die Hoffnung, dass sich Turbostaat beim nächsten mal nicht so viel Zeit lassen, wieder in die Region zu kommen. Gerne auch mit Album Nummer sieben.

Text:
Amelie Köppl
Geschrieben am
23. April 2017
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