Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Band verbindet.

Turbostaat und die Resignation dieser Nation.

Von der Flucht. Von der Verzweiflung. Von der Hoffnung. Davon und von allem, was das leidige Gefühl des Fernwehs so mit sich bringt, handelt Abalonia, das jüngste Werk im Œuvre des nordischen Gewissens des deutschen Punk, Turbostaat. Siehe da, ein Konzeptalbum? Wen kümmert’s. Denn dieses Stück Musik vollführt einen wütenden Walzer durch die Ahnengalerie des Turbostaat'schen Erbes, rafft nur die besten Stücke an sich, und gestikuliert dabei mit bestens geöltem Songwriting-Händchen. Ja, Abalonia ist zweifelsohne der bisherige kreative Höhepunkt der Husumsöhne.
Diese Glanzleistung will folglich in den Hörburgen Deutschlands zur Schau gestellt werden – in Stuttgart hat das Universum die Ehre. Während man im sich füllenden Auditorium noch munkelt, die bisherigen Shows seien zur Zufriedenheit aller vonstattengegangen, stehen sie dann da. Die Jungs, die stets sympathisch wirken.

Wo gehobelt wird, fallen Schwäne.
Das melodische Trademark-Riff zu Ruperts Gruen eröffnet die Nacht. Die Steigerung. Der Noise-Part. Der Breakdown. Die Meute macht, was sie am besten kann: Tanzen. Sie wird dabei bleiben. Und da stellt sich die lineare Abfolge jener Abende quer und gibt den Weg frei für einen verklärten Blick des dritten Auges auf das, was hier gerade geschieht. Während die Stimme Windmeiers seine Zeilen in seiner typisch respektvollen Zurückhaltung rezitiert, geht der Blick nach oben. Vogelperspektive auf die Live-Schau. Die Machtübernahme der unsichtbaren doch unüberhörbaren Songschreibe Marten Ebsens und der bescheidenen, dem Song ergebenen Haltung seiner Mitstreiter spüren wir in jeder Millisekunde. Doch es macht nichts. Was hier geschieht, ist nicht geplant. Es ist die logische Konsequenz eines 15-jährigen Phänomens, das sich einfach Turbostaat nennt. Die zappelnde Meute fordert mehr. Na gut.

This headline kills fascists.
So instrumentiert die Truppe einen schwarzen Schwan aus ihren Werkzeugen, der einmal quer durch diese Nation schwimmt und mit der reichen Historie Turbostaats allen Bescheid gibt, dass da ein Schimmer leuchtet: Die kruden, wütenden Anfänge des zu recht viel gerühmten Vormann Leiss den Dorfpunks. Die nordisch-melancholischen Indie-Melodien der Stadt der Angst den Exil-Hauptstädtlern. Die verkopften Texte der Journaille und allen, die ihr gerne angehören würden. Die Vertonung von all diesen verdammten Gefühlen, die man beim Erwachsenwerden ebenso fühlt, erzählt mittels Geschichten von Unbeachtetem jedem einzelnen Gitarren-Fan. Ob Post-Rock, Metal, Hardcore, Shoegaze. Völlig egal. Das Amalgam jeder einzelnen Ingredienz lässt Konzertgänger, Alt und Jung, miteinander einstimmen. Tanzen. Singen. Und treibt nun die Schweißperlen bis an die Decke des Universums. Genau wie die Crowdsurfer. Freude vor der Bühne. Freude auf der Bühne. Doch die zappelnde Meute fordert erneut mehr. Na gut.

Das beruht auf Gleichgültigkeit.
Frieda und die Bomben, das deutsche Hell On Wheels-Cover der Fu Manchus, lässt die Tanzfrequenz der Zuhörerschaft exponentiell ansteigen. Sohnemann Heinz und Harm Rochel sowieso. Der Titeltrack der aktuellen Abalonia beendet den regulären Teil des Sets. Die Meute? Sie wissen schon. Grinsend, sich selbst und die Band umarmend, erzwingt der Pulk nicht nur eine, sondern gar zwei Zugaben. Mit jedem Ton, jeder Note, ja, jeder Bewegung auf diesen verdammten Bühnenbrettern schweißen Turbostaat ihr Publikum aneinander. „Wir können alles. Und alles können wir sein.“ Lächeln vor der Bühne. Lächeln auf der Bühne. Die Hoffnung, sie lebt.

Der Schwan erreicht schließlich sein Ziel: Ohne Ziel zu bleiben. Denn dieses grandiose Stuttgarter Publikum ist genau wie jenes in Hamburg, München oder Berlin nur ein Exempel für eine viel größere, kaum fassbare Masse, die sich überall in der Bundesrepublik verteilt und durch die Bewegung, die analog dem Getanze vor der Bühne durch sie hindurchgeht, ihr Gefühl füreinander verloren zu haben scheint. Scheißegal, ob extrovertiert, oder in sich gekehrt. Ob Veganer oder Fleischfresser. Ob schwarz oder weiß: Hass trennt. Liebe verbindet. Vielleicht ist es ja die Liebe zu einer Band, die die Resignation dieser Nation aufzulösen vermag.
Dass Turbostaat dafür so klingen müssen, wie sie eben klingen, versteht sich von selbst. Und ist scheißegal.

Text:
Michael Maria Morgenbesser
Geschrieben am
04. April 2016
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