Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

The Vanjas im Goldmark's

Was für Streber: The Vanjas haben im Kurs How To Rock'n'Roll ganz genau aufgepasst.

Aber von Anfang an:

Seattle liegt am Bodensee

Gegen viertel vor zehn betreten Bikini Beach aus Konstanz die Bühne des mäßig gefüllten Goldmark's, die Stimmung ist bisher noch ähnlich dürftig. Trotzdem legen Bikini Beach los, als würden sie vor einer ausverkauften Halle spielen. Die Gitarre von Sänger Nils ist in bester Grunge-Manier extrem verzerrt ist, was aber zum rotzigen Sound passt und durch den ebenfalls oft verzerrten Bass von Charlotte perfekt ergänzt wird. Tamara an den Drums hinkt im Vergleich zu Meg White zwar in Punkto Technik hinterher (da ist Tamara überlegen), aber nicht was die Intensität angeht: Straighte Drums mit der nötigen Portion Groove, die es bei einer Drei-Mann-Frau-Combo einfach braucht, um den Sound mit Leben zu füllen.
Die ersten Lieder erinnern stark an Nirvana zu Bleach-Zeiten, ebenso wie die Leidenschaft, die Nils in seine Gitarre und den Gesang legt. Mit leichtem Hall auf der Stimme werden die ersten Lieder durchgebrettert. Soundtechnisch erinnert das an eine Mischung aus Garage und Grunge, ganz klassisch, ohne viel Schnörkel.
Dann darf die Bassistin ran. Eigentlich eine gute Idee, nur leider fehlt die Stimme. Technisch bestimmt nicht schlecht, wirkt der Song dennoch wie der Vortrag einer Schulband in amerikanischen Teenie-Movies - vielleicht ist das auch nur der Aufregung geschuldet. Es folgt noch ein Tausch: Gitarre für Schlagzeug und Tamara singt zwei Lieder. Hier wieder das gleiche Problem: Technisch gut, aber leider fehlt die Power. Auch wenn die beiden Damen im Duett sehr gut harmonieren, fehlt doch die Sonne, um den Tag am Bikini-Beach perfekt zu machen. Ohne Zugabe, was die nun inzwischen etwas aufgetaute Zuhörerschaft vereinzelt fordert, ist nach gut 30 Minuten Schluss. Eigentlich schade, dass die Band so wenig vom Publikum zurück bekommt, sie hätten es sich verdient. Aber das ist nun mal leider das Los der Vorband.
(Passend hierzu: https://www.youtube.com/watch?v=i5hd-1Bd7Hk)

Schnitt: Auftritt Vanja Lo

Kurze Umbauphase, das Goldmark's füllt sich und die Herren von The Vanjas betreten die Bühne. Wie es sich für eine Rock'n'Roll-Band gehört natürlich im Anzug. Genauer: In knallroten Anzügen, weißen Hemden, schwarzen Krawatten, schwarzen Lederschuhe und obendrein noch perfekt frisiert, legen die Drei sofort los und zeigen, dass sie Bock haben. Mr. Magnatone stürmt nach vorne, reckt die Gitarre in die Höhe und lässt sich feiern. Bon Ton schwingt den Bass auf der Bühne hin und her und hat dabei eine ähnliche Attitüde wie The Hives-Frontmann Pelle Almqvist. Auch The Swinger an den Drums versucht sein Möglichstes, um das Interesse auf sich zu lenken, da sie wissen, was nun passieren wird: Vanja Lo betritt in einem unverschämt kurzen Glitzer-Kleid die Bühne und hat ab der ersten Sekunde die gesamte Aufmerksamkeit des Publikums. Was im Video (https://www.youtube.com/watch?v=UOl9IGQK5uU) noch etwas holprig, ja unbeholfen wirkt, funktioniert auf der Bühne einwandfrei: Posen, Tanzen, das Publikum mitreißen, kurz: Alles was eine Frontfrau braucht.
Schon bei den ersten Liedern macht sie klar: We love Rock'n'Roll. Und man glaubt es ihr.
Nach drei Liedern inklusive der Auskopplung Forget About That verlässt Vanja Lo die Bühne und überlasst sie damit ihren Männern, die das Angebot auch zu nutzen wissen und Blast Off spielen. Mr. Magnatone und Bon Ton packen die klassischen Moves aus: Paartanz mit den Saiteninstrumenten, Soli an der Bühne-Kante inklusive einem Ausflug ins Publikum. Alles, was man sich von einer Band mit diesem Sound erwartet. Immer ein bisschen drüber, aber das will man ja auch: Rock'n'Roll ist Posen. Punkt.

Schnitt: Die Diva kehrt zurück

Alles was sich die Musiker an Beachtung erarbeitet haben, wird innerhalb von drei Spritzern Haarspray zunichte gemacht. Im Stil einer klassischen Diva betritt sie die Bühne: Langsam schreitend, um auf dem Weg zum Mikrophon noch ihre Frisur mithilfe ihres goldenen Haarspray-Döschens zu fixieren. Wie gesagt: Posen ist an diesem Abend ausdrücklich erwünscht. Auch als während den Songs immer wieder der Lippenstift nachgezogen wird oder das Kleid beim Tanzen mehr zeigt, als nur die Beine...

Das Publikum nimmt das alles gerne an und feiert die Band. In der ersten Reihe wird sogar der Paar-Tanz ausgepackt.
Live klingt der Sound deutlich roher, die Stimme kratziger. Das Album ist gut, aber im Vergleich zum Konzert einfach etwas überproduziert und weich gewaschen. Schade um den guten Sound von The Vanjas. Sie zeigen auch, dass sie deutlich mehr können: Bei Lovin wird demonstriert, was stimmlich so alles möglich ist und ein klassischer Call and Response-Song lässt den Soul ins Goldmark's einziehen.

Nach gefühlten zehn Minuten wird dann auch schon das letzte Lied angekündigt und die vier Schweden drehen nochmal richtig auf. Vanja Lo liegt auf dem Boden und schmeißt ihre Schuhe weg, Gitarrist und Bassist holen sich nochmal ein bisschen Fan-Nähe ab, das Publikum lässt die Hüften kreisen und fordert summa summarum nicht weniger als drei Zugaben ein.
The Swinger spielt inzwischen ohne Jacket und Vanja Lo ohne Schuhe, die anderen beiden ohne müde zu werden. Insgesamt gibt es fünf Lieder als Zugabe und den letzten Song nutzt die Sängerin noch für ein Tänzchen mit dem Autor. Wer kann es ihr verdenken.

Text:
Julian Fischer
Geschrieben am
30. November 2015