Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

The View im Keller Klub

Auf Konzerte von Bands gehen, die man früher hart gefeiert hat, ist nicht ganz risikolos. Die Erwartungen sind hoch, aber was, wenn der Funke nicht überspringt?

Musik, die einen durch das Studium und unzählige Indie-Partys begleitet hat, steht irgendwann auf einem erhöhten Nostalgie-Sockel. Shows können dann zu mehr werden, als zu einem einfachen Konzertbesuch: Sie können Erinnerungen wecken und man selbst kann sich für einen kurzen Moment wieder wie Anfang zwanzig fühlen. Im besten Fall. Im schlechtesten Fall passiert gar nichts. Letzteres ist das Kunststück, das The View bravourös gemeistert haben. Aber beginnen wir am Anfang:

Punkt 21 Uhr steht die Vorband The Stamp aus Liverpool auf der Bühne. In ihren völlig unmodischen, schlabberigen T-Shirts sehen sie aus wie eine Schülerband, die man gerade vom Sofa gezerrt und in den Tourbus gepackt hat, weil man schnell noch einen Support brauchte. Dass es bei Konzerten selbstverständlich um die Musik und nicht um die Optik gehen sollte, interessiert mich an dieser Stelle einen feuchten Kehricht, denn auch die Erscheinung der Band bestimmt das Gesamtbild und ich drücke The Stamp fest die Daumen, dass sie nach der Tour genügend Geld eingespielt haben, um sich auf die Suche nach neuen Outfits für die Bühne zu begeben.

Andererseits ist der aktuelle Look der Band eine Art foreshadowing für das, was das Publikum musikalisch erwartet. Geboten wird nämlich seichter „Tut nicht weh“-Indie-Sound, der irgendwo zwischen rockig, poppig und The Beatles changiert. Mehr Klischee geht ja kaum, wenn man aus Liverpool stammt. Das klingt zwar alles ganz nett, taugt aber nur bedingt als Opener für ein Konzert. Dafür ist das alles zu harmlos und austauschbar. Gut vorstellen kann ich mir die Band stattdessen in einem Pub. Die Truppe würde bei einem zufällig zusammengewürfelten Publikum sicher den kleinsten gemeinsamen Nenner treffen. Aber nur, wenn sie nicht zu laut spielen. Man will sich schließlich noch unterhalten.

Auch die Kontaktaufnahme zum Publikum wirkt bei The Stamp eher schülerbandmäßig. „Geht’s euch gut?“, „Freut ihr euch auf The View?“ Unverbindlicher geht es kaum. Aber ja, die Menschen im nur ansatzweise gefüllten Keller Klub geben zu verstehen, dass sie sich auf The View freuen – wer hätte es gedacht.

Als es dann soweit ist, bieten The View – nomen est omen – tatsächlich eine interessante Aussicht: Drummer Steven Morrison entledigt sich gleich zu Beginn seines T-Shirts. Dafür hätte man zwar sicher auch einen effektheischenderen Zeitpunkt finden können als direkt am Anfang, aber nun gut. Bassist Kieren Webster hingegeben gibt sich weniger freizügig – seine Haare verhängen nahezu sein komplettes Gesicht und ich bin mir unsicher, ob er schon zu betrunken ist, um seine Augen richtig zu öffnen. Und Kyle Falconer? Wie es sich gehört, steht der Sänger mittig auf der Bühne … Kaugummi kauend und mit ziemlich weit geöffnetem Reißverschluss. Super Sache, denn das Publikum in den vorderen Reihen befindet sich ja genau auf Augenhöhe.

Los geht es dann mit Glass Smash und ich bin überrascht, dass The View so laut und schrammelig klingen können. Auf Platte klingt das alles sehr poppig, aber live geht es streckenweise fast schon punkig zu. Sicherlich hilft da auch der Lautstärkeregler, der für den kleinen Keller verdammt laut aufgedreht ist. Das unterstützt die Ausgewogenheit des Klangs zwar keineswegs, aber sei’s drum.
Wie zu erwarten wird das Konzert von an sich tanzbaren Uptempo-Songs dominiert, die allerdings irgendwann zu einem kaum noch differenzierbaren Brei verschwimmen, egal ob sie Voodoo Doll, How Long oder Wasteland heißen. Typical Time bleibt da eine willkommene, aber viel zu kurze Ausnahme. Zwar war mir schon immer klar, dass die Band sich seit ihrem ersten Album kaum entwickelt hat, aber wie sehr sich die meisten Songs – selbst über die Alben hinweg – ähneln, wird mir erst jetzt bewusst.

Zwar bewegen sich die Menschen vor der Bühne ansatzweise zur Musik, aber so richtig springt der Funke nicht über. Der einzige, der den Umgang mit dem Publikum zu beherrschen scheint, ist Gitarrist Pete Reilly. Ihm gelingt in seinen Kommentaren zumindest so etwas wie Situationskomik, als er den artigen und zurückhaltenden Zuhörern die Erlaubnis erteilt, sich zwischen den Songs auch zu unterhalten. Das beschreibt die Stimmung auch bereits sehr treffend. In der Zwischenzeit wirkt der Bassist während der Show zunehmend deplatziert und betrunken. Ich würde ihn gern fragen, ob er sich nicht einen anderen Job suchen möchte. Er scheint das wirklich nicht gern zu machen und nur mit rauen Mengen Alkohol zu ertragen.

Am Ende tönen uns noch Same Jeans und Superstar Tradesman mehr schlecht als recht um die Ohren. Auf Zugaben wird verzichtet. Ich bezweifle auch, dass das Publikum die nötige Kraft dafür aufgebracht hätte. Was bleibt also? Nichts … außer eine vom Sockel gestoßene Band und ein unangenehmes Pfeifen im Ohr.

Text:
Robert Willrich
Geschrieben am
20. Februar 2016
The View The View
Indie, indie rock, seen live, british, scottish