Everybody Down
 

Everybody Down von Kate Tempest

Genre: rap, hip hop, spoken word, female vocalists, late junction

 
  1. Marshall Law
  2. The Truth
  3. Lonely Daze
  4. Chicken
  5. The Beigeness
  6. Theme From Becky
  7. Stink
  8. The Heist
  9. To The Victor The Spoils
  10. Circles
  11. A Hammer
  12. Happy End
 
 

Auf dem Cover zu Everybody Down von Kate Tempest sieht man sie eine gepunktete weiße Bluse tragen, die bis oben hin zugeknöpft ist und die ein Herzamulett ziert. Der Blick richtet sich seitlich nach unten. Schüchtern sieht sie aus und brav.

Doch das hat nichts mit meiner Erinnerung zu tun: Als ich sie vor ein paar Jahren traf, standen wir gemeinsam auf einem Berg bei Salzburg bis zu den Knien im Schnee. Die Fahrt mit dem Lift auf den Berg war nicht geplant deshalb trugen wir die unpassendste Kleidung: Sneaker und Jeans. Auf jenem Berg (dessen Namen ich bis heute nicht weiß) stand eine Kate Tempest mit großen geweiteten Augen und der Glückseligkeit eines Kindes auf dem Gipfel und machte Fotos. Wir erfuhren kurze Zeit später, dass sie noch nie zuvor auf einem Berg stand und dass das ihr erster Ausblick von einem schneebedeckten Hügel ist.
All jene Erinnerungen begleiten mich beim Hören des Albums, aber unabhängig davon muss man feststellen, dass Kate Tempest eine wahre Poetin ist und das im eigentlichen Sinne des Wortes – Sie wuchs in London auf, schmiss die Schule und widmete sich der Musik und der Spoken-Word-Poesie. Das ist dann auch ihre Stärke: Das Storytelling und deshalb bringt sie mit Everybody Down ein Konzeptalbum heraus, in dem sie die Geschichte von Becky erzählt.

Im ersten Track auf dem Album werden dem Hörer Pete und Becky vorgestellt, auf die man im Verlauf der LP immer wieder treffen wird. Man erfährt die Vorgeschichte der beiden und wie sie zueinander fanden. Der Titel Lonely Daze stellt dann auch gleich klar wie gut die Beziehung der beiden läuft.
In dem zweiten Lied Chicken findet man sich dann auch gleich in einer Tischsituation wieder, in der man u.a. Teil einer etwas befremdlichen und small-talk-ähnlichen Tischkonversationen wird, die sich um den Arbeitstag dreht. Hier kann man auch ein Gefühl für Kate Tempests Spoken-Word-Poesie bekommen, da sie stellenweise eher spricht als rappt.
In dem Lied Stink wird man Teil eines Ehestreits zwischen den zwei Protagonisten. Der Beat in den Strophen ist dabei so verstörend, dass er ein beklemmendes Gefühl auslöst. Nur in dem Chorus, in dem darüber nachgedacht wird, wie man sich gegenseitig behandelt, beruhigt sich dieser und man lauscht den folgenden Worten:
„If I love you like I say / I would not tread you this way
If I love you like I think / I would not make such a stink“
Raptechnisch überzeugt die Engländerin besonders auf dem Lied Happy End. Hier stellt sie ihren Flow, ihre Intensität und Nachdruck am besten unter Beweis. Das untermauert auch der sehr interessante und etwas experimentell klingende Beat.

Da ich ein großer Freund von Rap aus England bin und mich The Streets genauso begeistern konnten wie Dizzee Rascal, schafft es auch Kate Tempest, mich auf ihre Seite zu ziehen. Mir sind die Lieder auf Albumlänge dennoch ein wenig zu eintönig, was sicherlich auch dem Fakt geschuldet ist, dass im Gegensatz zu vielen anderen Rap-Alben der Inhalt vor die Rap-Technik gestellt wurde. Das ist lobenswert, engt aber manchmal ihr erzählerisches Spektrum ein. Everybody Down ist ein Album zum Zuhören und das gelingt sogar jemandem wie mir, der normalerweise nie auf die Texte und die Geschichten dahinter hört. Ich bin mir noch unsicher, ob Everybody Down für die Heavy Rotation auf meinem MP3-Player geeignet ist, da es für mich eher ein musikalisches Hörbuch ist, als ein Album zum nebenbei berieseln lassen.
Apropos musikalisches Hörbuch: Natürlich hat die Geschichte um Becky auch ein Ende. Aber bei diesem Konzeptalbum ist das wie mit einem Buch oder einem Kinofilm: Es wird natürlich nicht verraten.

Text:
Alexander Willrich
Geschrieben am
27. Mai 2014