Mein Chef der Hund
 
BUCHBESPRECHUNG | von Michael Maria Morgenbesser

Mein Chef der Hund

Autor: Christian Kortmann

Genre: Roman

Seiten: 80

Verlag: Piper

Mit Mein Chef der Hund zeichnet Christian Kortmann ein verspieltes Bild einer schönen, neuen Arbeitswelt. Wie würden wir arbeiten, wenn wir einen Vorgesetzten mit kalter Schnauze und hängenden Ohren hätten? Ein Gespräch mit dem Autor.

Herr Kortmann, Sie haben mit „Der Läufer“ (2009) und „Das menschliche Optimum“ (2012) bereits zwei Romane veröffentlicht. Inwiefern unterscheidet sich Ihr aktueller Roman „Mein Chef der Hund“ von diesen beiden?
Romane zu schreiben, ist heute eine ungeheuer komplizierte Sache. Man schreibt ja eben nicht nur, sondern muss allerhand formale Fragen beantworten, die man sich vor allem selbst stellt. Bei „Mein Chef der Hund“ wusste ich, dass ich einfach nur diese Geschichte erzählen wollte, von dem Mann, der unter einer Chef-Allergie leidet und sich deshalb einen Job bei einer Firma sucht, in der ein Hund Chef ist. Es war eine befreiende, bewusst naive Haltung. Ich wollte ein Bilderbuch für Erwachsene erschaffen. Von da an erzählte sich die Geschichte von selbst.

Sie sind freier Werbetexter in Stuttgart. Wie und wann haben Sie Zeit für den Roman gefunden?
Bemerkenswert, dass Sie „Mein Chef der Hund“ im Genre Roman verorten. Tatsächlich tue ich das auch, obwohl der textliche Umfang dieser Geschichte überschaubar ist. Jedoch wird in ihr romantypisch eine ganze Welt eröffnet und eine Entwicklung gezeigt. Der Text gehört zu der Sorte, auf deren Niederschrift ich so große Lust hatte, dass sich die Zeit dafür ganz automatisch fand. Oft weiß ich hinterher gar nicht mehr, wann ich es geschrieben habe. Eine Erfahrung wie nach einem Filmriss, nur dass der Film aufgeschrieben vor dir liegt.

„Mein Chef der Hund“ reiht sich nahtlos in Ihre bisherige Themenwelt ein: Die moderne Arbeitswelt, der Optimierungswahn und der Karrieredruck in unserer Gesellschaft. Warum fasziniert Sie dieses Thema so?
Weil es in den Kern unserer Gesellschaft führt. Wir leben in einer Arbeitsgesellschaft. Wer nicht hart an etwas und/oder an sich arbeitet, ist nicht präsent, nicht existent. Arbeit ist unsere wahre Religion. Das ist mir vollends in Stuttgart klar geworden, dessen Bevölkerung von der Arbeit zu einem überkonfessionellen Amalgam geformt wird. Kein Zufall, dass der Bahnhof hier aussieht wie ein Kirchturm, auf dem sich der Mercedes-Stern dreht.
Arbeit ist unsere Medizin und Droge, unser Glücksspender und Leidverursacher, unser Aphrodisiakum und Abtörner, unser Stimulans und Brechmittel. Sie bringt das Beste und das Schlechteste im Menschen hervor. Es sind nicht nur die täglichen acht Stunden, die wir mit Arbeit verbringen; es ist die Intensität der Struktur, die uns zwingt beruflich Dinge zu tun, die wir privat vermeiden. Schon beim regelmäßigen frühen Aufstehen fängt das an. Der chronische Schlafmangel, dieses Gefühl leicht sediert morgens in ein Büro-Raumschiff einzuchecken, in dem die Kollegen wie fremdgesteuerte Wesen über die Flure schleichen, als folgten sie dem Plan einer anderen Welt mit eigenen Gesetzen. Die Belohnung für dieses Befremden erfolgt jeden Abend in Form des Glücksgefühls des Erschöpftseins.
Wenn wir mit anderen zusammenarbeiten, disziplinieren wir uns, ordnen das Ego der Aufgabe unter und machen dadurch erweiterte Bereiche unserer Persönlichkeit erfahrbar, für uns selbst und für die anderen. Manche Kollegen kennen sich besser als ihre jeweiligen Partner, weil sie zu Hause kuscheln können, im Büro aber kämpfen müssen. Hinzu kommt, dass die Arbeit immer entfremdeter und ökonomisch unwichtiger geworden ist. Und damit für den Menschen immer wichtiger: Der Kumpel, der Schmied und der Bauer hatten keine Zeit für Zweifel, Befindlichkeiten und Neurosen. Wir aber fragen uns im Beruf jeden Tag, ob es sinnvoll ist, was wir da tun und werden angesichts des Horrors der Verzichtbarkeit auf uns selbst zurückgeworfen. Deshalb gibt es so viel Liebe und Trost im Büro. So viel Hass, Angst, Drama und Krieg.

Obwohl Ihr Protagonist ein Hund ist, hat er sehr viel menschlichere Züge als das Bild des Prototypen-Chefs, das Sie ihm entgegenstellen. Sind Sie der Meinung, dass der Chef, wie wir ihn kennen, an Menschlichkeit eingebüßt hat?
Echte Chefs, die sich als gute Hirten ihrer Schäfchen verstehen, gibt es heute nicht mehr viele. Probleme gibt es meistens mit den Funktionserfüllern aus dem mittleren Management, Karrieristen, die Abteilungen oder ganze Unternehmen als Durchgangsstationen für ihren eigenen Aufstieg begreifen. Sie müssen sich vorwerfen lassen, dass sie diese Rolle annehmen und nicht einmal versuchen sie anders zu interpretieren. Ursächlich sind die ökonomischen Konzentrationsprozesse: In multinationalen Mega-Konzernen werden auch in großen Einheiten nur temporäre Statthalter installiert, die kein Verantwortungsgefühl für ihre Mitarbeiter entwickeln.

Die ironische Kritik in „Mein Chef der Hund“ an unserer schönen neuen Arbeitswelt ist nicht von der Hand zu weisen. Wie stehen Sie zum Professionalisierungs-Wahn und Bachelor-Blendwerk unserer Gesellschaft?
Ich bin ein Fan von Profis, von Menschen, die etwas gut können und wissen, dass es immer noch ein bisschen besser geht. Lange Lehrjahre scheinen gerade out zu sein. Entweder man kann etwas in 10 Minuten in einem Tutorial erlernen oder man lässt es ganz. Als Teenager habe ich mal zum besten Gitarristen unserer Kleinstadt gesagt: „So würde ich auch gerne Gitarre spielen können.“ Da schüttelte dieser kiffende Gott, der im Schneidersitz auf einer Matratze in einer zum Tonstudio umgebauten Scheune saß, seinen Kopf mitsamt den langen Zauselhaaren: „Das darfst du nie wieder sagen. Du musst sagen: 'Ich will lernen, so Gitarre zu spielen.'“

Herr Kortmann, 2005 promovierten Sie mit einer Arbeit über literarische Erstlingswerke. Wie würden Sie Ihr Debüt analysieren?
„Der Läufer“ ist radikal, rauschhaft, egozentrisch, etwas zu belesen und von großer formaler Geschlossenheit. Ein Buch über den Körper, das keine Körperfunktion ausklammert. Es war der richtige Text zur richtigen Zeit. Trotzdem bin ich froh, dass meine Palette heute größer ist und ich vielfältiger erzählen kann.

Können wir ein Nachfolgewerk erwarten? Schließlich hat die Tierwelt noch das ein oder andere interessante Geschöpf parat.
Es ist nicht so, dass ich zu Hause sitze und das Zoolexikon auf Eingebungen abklopfe, à la „ah ja, Giraffe, schöne Hals-Wortspiele, aber schade, zu kleine Zielgruppe“. Der Hund hat mich interessiert, weil er eine Koevolution mit dem Menschen durchlaufen hat. Wir können am Hund vieles von dem beobachten, was uns menschlich macht. Wenn ein Mensch sich so verhalten würde wie der Hund in meinem Buch, dann wäre er ein verdammt guter Chef.

Autor: Christian Kortmann
Titel: Mein Chef der Hund
Seiten: 80
Verlag: Piper

Text:
Michael Maria Morgenbesser
Geschrieben am
06. November 2015