Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

So war es beim Maifeld Derby 2018

Da kommt zusammen, was zusammen gehört: Mensch, Musik und much love.

Das Wetter war perfekt, das ganze Team wie immer überaus herzlich und wir mit allen Sinnen dabei: Maifeld Derby - es ist einfach schön, dass es dich gibt!
69 Bands an 3 Tagen - wenn es dann mal Hermine’s Zeitumkehrer zu erwerben gibt, erstatten wir gerne allumfassender Bericht über dieses Zeilen und Zeiten sprengende Liebhaberfestival.
Untenstehend also die Highlights der Berichterstattenden. Zusätzlich zu unserem Bericht zum diesjährigen Maifeld Derby - dem inzwischen achten - möchten wir euch unsere drei Fotogalerien ans Herzelein legen. Bitte hier entlang:

TAG 1
TAG 2
TAG 3

YAMANTAKA // SONTIC TITAN

Was für eine Entdeckung! Die Kanadier, die mehr einem Kollektiv als einer Band gleichen, mischen Einflüsse wie Black Metal, Blues oder Folk zu einem spätnächtlich bewegenden Konstrukt, dem ich mich gar nicht entziehen kann. Mal wird es hart und laut, mal greift die omnipräsente Sängerin, die mich in ihrem knallroten Einteiler ein bisschen an Beth Ditto erinnert, zu einem großen Tamburin und lässt sanft ihre Hände darauf kreisen. Überhaupt ist das Brückenward jedes Jahr für eine Entdeckung gut, da stimmt mir der Rest des Kulturpegels sicherlich zu!

SAM VANCE-LAW

Tobi hat uns allen Sam in seinem Maifeld um 3 empfohlen. Und ich muss sagen: Er hat nicht untertrieben. Ursprünglich stammt der Kanadier aus der Klassik, das hört man auch an den großartigen Arrangements, die er mit seinen Mitmusikern liebevoll über den Parcour d'Amours streut. Sein aktuelles Album "Homotopia", das von Konstantin Gropper (Get Well Soon) produziert wurde, steckt voller Oden an die Kammermusik. Was aber wirklich begeistert, ist seine sensible Art, mit der er selbstironisch über das Schwulsein im Hier und Jetzt singt. Er spielt mit dem Streit um den Ehebegriff für Homosexuelle, mit Selbstliebe, sogar mit Grindr. Die Musik klingt dabei sanft, verspielt, leicht und bildet einen hübschen Kontrast zu seiner wohlig-warmen, tiefen Stimme.

COCAINE PISS

Der erste Eindruck war schrecklich anstrengend und nervig. Aber er blieb. Die Belgier mit dem, naja, nennen wir es klangvollen Namen Cocaine Piss schrubben 30 Minuten lang ihre Instrumente, als gäbe es kein Morgen mehr. In der Front und aufdringlich präsent kreischt, blökt und zetert Sängerin Aurelie. Der harter Punk mit feministischer Message hat übrigens einen grandiosen Leitsatz: "Glittershitstorm". Muss man mal gesehen haben! Aber ihr müsst schnell sein, spät Hinzugekommene konnten nur noch trauern. Für eine Zugabe gab's nur hektische 20 Sekunden. Merch gab's dann ganz stilecht ebenfalls on-the-run: Auf dem Weg nach draußen am Zeltausgang.

SIND

Sind aus Berlin kann man schnell für zu poppig halten oder zu übereifrig mit OK KID vergleichen. Ich würde jetzt nicht direkt behaupten, dass die Platte mein neues Highlight wird, aber die Art, wie diese jungen Herrschaften sich an einem wachsenden Publikum freuen können, die Art, wie sie Songs wie "Alpinaweiss", "Mi Wifi es su Wifi" oder "Deine Magie" vortragen - rough, leidenschaftlich - hinterlassen bei mir einen bleibenden Eindruck. Auch, weil sie einen Gitarristen zu ihrer Band zählen, der live aus dem Effeff Eros Ramazotti schmettern kann, lese ich mich später in ihre Biographie ein: Ihre Platte nehmen sie in Wien auf, produziert werden sie dabei von den Köpfen hinter Bilderbuch oder Woman. Ach ja und ihr Pressebild erinnert ganz ungeniert an Wandas "Amore" - ob das was mit ihrem Debütalbum "Irgendwas mit Liebe" zu tun hat? Findet es heraus!

HINDS

Hinds aus Madrid sind wirklich mein ungebrochenes Highlight auf dem 8. Maifeld Derby. Schon sehr lange versuche ich diese Girls mal live zu erwischen und ich wurde nicht enttäuscht. Im Palastzelt ist es heiß wie in Spanien zur Siesta, Hinds tanzen entzückend in hüftkreisender Formation, vor-zurück-vor-zurück. Und sie versuchen sich sogar an ein paar deutschen Floskeln. Mehr als "Kartoffel!" kommt dabei zwar nicht heraus, dafür reicht ein bisschen Nachhilfe aus dem Publikum schließlich für die Anmoderation eines Songs, der nur für die anwesenden Mädchen bestimmt ist: "Tester". Die vier Spaniereinnen, allen voran die beiden Sängerinnen Ana und Carlotta singen stellvertretend lautstark für alle Frauenbands, die es, oft so sehr unterschätzt, nicht auf eine so große Festivalbühne schaffen. Dabei liefert das Maifeld immer mehr Stoff, um stolz auf eine ausgesprochen weibliche musikalische Note zu sein. Schade nur, dass Hinds so kurzen Prozess machen, schließlich spielen sie schon nachmittags. Aber für mich war es ein langersehntes Konzert, dass ich auf keinem anderen Festival lieber erlebt hätte.

KAT FRANKIE

Eben hab ich es bei Hinds erwähnt: Beim Maifeld spielen viele großartige, von Frauen dominierte Bands. Ein weiteres Highlight, diesmal am Sonntag, ist Kat Frankie. Die Wahlberlinerin mit ihrer klaren Stimme bringt ein bisschen Blues, wenig Schnörkel, klaren Pop und viel Inspiration in Einklang. Mit wenigen, aber gezielten Ansagen und in viel Rot gehüllt, spielt sie mit ihrer Band alte und neue Songs und verneigt sich am Ende vor einem schmachtenden Publikum. Wow!

[Autorin: Amelie Köppl]

GREAT NEWS und CHOCOLAT

Zwei Fliegen unter der Klappe "Überraschungs-Act aka. unknown-but-awesome": die up-beat-/gute-Laune-Boys mit der beeindruckend hohen, sowie hellen Frontstimme, die sich mit dem Publikum einfach einig sind, dass der Raum, die Zeit und das Feeling einfach perfekt sind und - gute Nachricht - mit der Bierduseligkeit harmonieren. Die Fluffigkeit von Temples oder Parcels reihen sich hiermit Great News.
Anderen Raum und andere Zeit verkörpern hingegen Chocolat. Drei Gitarristen an der Front, Saxophon und Keys rührend geführt von (ich nenne ihn liebevoll) Pink-Pants, hinten die bissigen Drums, hinzu die abermals relativ hohe Männerstimme. Diese Typen sind einfach tiefenentspannt und liefern den teils an Wolfmother angelehnten Soundtrack der Stunde. Mein kränkliches Maifeld-Ich notierte: Hothothot.

EDITORS und THE KILLS

Diese beiden Musikbretter haben es einfach in sich! Beide sind sie Größen ihres Genres und beide haben sie mir an diesem Abend das Tanzen und Ehrfürchten gelehrt.
Gesanglich wie allumfassend musikalisch phänomenal in diesem Live-Setting. Hinzu kommt der Status der "Rampensau" Alison Mosshart, Sängern von The Kills, deren Stimme und Mähne um die Wette schillern und sich auf diesem Festival in den Kreis der Legenden gesellen.

GUS DAPPERTON

Aus der Sparte "Bitte mehr davon" schlüpft 2k18 Gus Dapperton. Die Band besteht zur Hälfte aus Dapperton's (nein, das ist nicht der wahre Familienname), sowie Bass und Drums. Die backing vocals und Tastenklänge von Schwester Dapperton (Megan) paaren sich mit etwas lo-fi-eskem in meinem Gehörkanal. So gerne ich diesen Namen sage, mindestens genauso gerne werfe ich meine Augen auf die 3-4 bunten Vögel; Gus (wenn man den Frontmann einfach mal beim Stage-Namen nennen darf) hat irgendwas mit Mode am imaginären Hut, „unter“ dem ein Topfhaarschnitt prangt und mit der lila-samtenen Hose einfach funktioniert. Die Musikkapelle entstammt augenscheinlich einer jüngeren Generation, die nostalgische Bilder in Optik und O-Ton reproduziert. Nichtsdestotrotz habe ich noch nie ein solch grandiose „Mario - Let me love you“- Cover gehört!

YOUNG FATHERS

Junger Vatter! (Zu offensichtlich?!) Diese Typen haben den Groove gepachtet! Was auf meinen Notizen mehr nach einem schnell gekritzelten "Young Far Hors" aussieht, ist für mich auf jeden Fall ein Highlight des Festivals! Wenn mich nicht schon das extraordinäre Plattencover im Hintergrund gepackt hätte (siehe Galerie), dann wäre es spätestens beim dritten Lied "Toy" passiert. Die Notizen verraten: sau tanzbar aber auch in soften Songs hinreißend.

[Autorin: Bettina Marquardt]

TAMINO:

Keine leichte Aufgabe für Tamino und seine beiden Bandkollegen um kurz nach sechs im Parcours D’Amour auf die Bühne zu gehen, während zeitgleich ein paar Ecken weiter die wesentlich bekannteren „The Kills“ die Palastzeltbühne bespielen und zudem im Public Viewing Bereich noch die Übertragung der Bemühungen einer deutschen Fussball Nationalmannschaft gegen eine grippegeschwächte Übermacht aus Mexico gezeigt wird. Da kommt als erstes die Frage auf, ob Public Viewing auf einem Musikfestival überhaupt etwas zu suchen hat? Antwort: Ja, unbedingt. Best of both worlds eben - nur das Spiel war leider Grütze. Zumindest was ich davon sah, bevor ich mich zu Taminos Soundcheck aufmachte. Schon dieser war sehr beeindruckend, da offensichtlich wurde, mit welcher Präzision und Hingabe die Band und ihr Leader arbeiten. Hilfreich auch, dass der FOH-Mischer auch gleichzeitig sein Producer ist - der Sound war schlicht perfekt.

Sein Set beginnt er solo, nur er mit Gitarre und Gesang, bevor sich seine beiden exzellenten Bandkollegen zu ihm gesellen. Schnell registriert das Publikum, dass hier große Musik von großartigen Musikern geboten wird. Die Transparenz der Arrangements und der exzellente Sound ermöglichen eine Fokussierung auf Taminos vier Oktaven umfassende Gesangstimme und die luftigen Gitarrenlinien, die das Publikum vom ersten Moment an gefangen nehmen. Dazu dezente und reduzierte Grooves vom Schlagzeug, spärlich ergänzt durch einige elektronische Samples und ein geschmackvolles Spiel vom Keyboarder, der auch einige tolle Backing-Vocal Passagen beizusteuern weiss. Natürlich werden alle vier Stücke der aktuellen „Habibi“ EP gespielt, sowie weiteres Material, was bisher nur teilweise veröffentlicht worden ist. Als das Konzert mit dem Titelstück „Habibi“ endet, bei dem sich Taminos Stimme gegen Ende in höchsten Falsett schraubt, ist das Publikum restlos begeistert von diesem jungen, charismatischen Mann aus Belgien, den viele schon in der Spur eines Jeff Buckley vermuten. Er selbst hinterlässt uns noch einen kleinen Auftrag: „Enjoy the rest of the evening - and the rest of your life“. Vielleicht ist man diesem Auftrag sogar ein Stück näher gekommen, nachdem man seine Musik live erlebt hat. Jedenfalls näher als die deutschen Kicker zur selben Zeit."
Von Tamino haben wir übrigens noch ein Interview parat.

BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB

Als B.R.M.C. pünktlich um 19.20 die Fackelbühne betreten, wünscht man sich sofort den Sonnenuntergang zwecks atmosphärischer Untermalung hinzu. Robert Been, Sänger und Bassist der Band sieht das ziemlich genauso, als er ein paar Songs später ins Publikum fragt: „Does the sun ever go down here?“ Einer seiner akustisch verständlichsten Kommunikationsfetzen, die er dem Publikum zu Teil werden lässt. Zwischendurch wirkt er manchmal etwas derangiert und nuschelt unverständliches Zeugs zwischen den Songs ins Mikro. Diese etwaige Entrücktheit schlägt sich aber nie im Musikalischen nieder - präziser und präsenter Gesang und tightes, lässiges Bass- teilweise auch Gitarrenspiel bei Herrn Been. Vollprofi und Ober-Rock’n Roller vor dem Herrn eben. Selbiges kann man auch von seinen beiden musikalischen Komplizen, Leah Shapiro am Schlagzeug und Peter Hayes an der Gitarre behaupten, die mit „Little thing gone wild“ vom neuen Album „Wrong creatures“ gleich mal einen richtigen Kracher als Show-Opener zünden. Auf diesen lassen sie sofort mit „King of Bones“ ein weiteres Highlight des aktuellen Albums folgen, bevor mit „Beat the devil’s tattoo“ eines von mehreren, älteren Stücken ausgepackt wird. Toll hierbei immer, wie Peter Hayes mit Harp und Gitarre sofort bluesige Akzente zu setzen vermag. So auch beim folgenden Stück „Easy way out“, bei dem er auch den Gesang direkt durch die Harp und das angeklemmte Harp-Mikro jagt, was einen großartig verkratzten Gesangsound zur Folge hat. Sein unspektakuläres, aber nie uninspiriertes Gitarrenspiel tut da sein übriges dazu und prägt den Bandsound ungemein. Eigentlich eine Ein-Mann-Armee, der Typ, der sich das Scheinwerferlicht mit seinem kongenialen Partner Robert Levon Been teilt, der die meisten Stücke bei B.R.M.C. singt und auch noch eine höchst eigenwillige Art des Bassspiels kultiviert hat, bei dem er den Bass, als gegenüber der Gitarre gleichberechtigtes Instrument, im Klangbild ausstellt. Die Stimmen von Hayes und Been ergänzten sich schon immer perfekt, was auch bei einigen zweistimmigen Passagen deutlich wird. Leah Shapiro spielt lässig unaufgeregt, dabei ultrapräzise und legt damit das rhythmische Fundament für die Eskapaden der beiden Frontmänner.

Hervorzuheben, neben dem tanzwütigen und angenehmen Publikum, das während des knapp 70 Minuten währenden Sets viel an Energie an die Band zurück gibt, ist die famose Songauswahl des Black Rebel Motorcycle Clubs. Großartige Songs vom neuen Album und ein toller Querschnitt durch die restliche Schaffensphase, mit Songs vom zweiten Album oder auch das ältere „Concience Killer“ werden mit bemerkenswerter Hingabe gerockt, bevor „Spread your love“ und das obligatorische „Whatever happened to my Rock’n Roll“ vom Erstlingswerk „Black Rebel Motorcycle Club“ diese energetische und emotionale Rock’nRoll Show würdig beenden. Welcome to the club!

[Autor: Mike Rilling]

Text:
Redaktion
Geschrieben am
04. Juli 2018
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Eeels Eeels
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Tamino Tamino
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