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Das 9. Maifeld Derby - Tag 3
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Das 9. Maifeld Derby - Tag 3

Von Lieblingsmusik, Neuentdeckungen, Nähe und Weirdness.

Wer bereits in den Genuss vom Maifeld Derby gekommen ist, weiß, dass man hier gut umsorgt ist: Es gibt Essensstände für jeden Geschmack, liebevoll versorgte Sanitäranlagen, warme Duschen auf dem Campingplatz, sogar Kaffee und Croissants für den kleinen Geldbeutel! Wer seinen Tag so starten darf, ist ein wahrer Glückspilz! Frisch geduscht, wohl gespeist und heiteren Gemüts kommen wir also wieder auf dem Festivalgelände an. Ein Abstecher zum Parcours d'Amour tut seinesgleichen:

Die zwei Singer-Songwriter und Lokalhelden von Flourishless läuten den heutigen Tag ach so gemächlich ein. Entspannte Gitarrenriffs, Cajon-Claps, sowie Cello- und Kontrabass-Klänge verbinden sich mit einer kratzigen Stimme, die Lebensweisheiten wie "Ein Glas Wein und Zigaretten können jeden Abend retten." mit auf die Hand geben. Ein bisschen Annenmaykantereit für das entspanntere Indie-Ohr, wie manche es betiteln. Bis zum Ende des Auftritts schafft es das Duo sogar, das Publikum zum Stehen zu bewegen.

Unterdessen betreten die vier australischen Findley-Schwestern, die sich gerne auch mit dem Namen Stonefield zusammenfassen, jene Bühne, die 2017 schon von King Gizzard and the Lizard Wizard bespielt wurde. Mit gewaltigem Stoner- und Psych-Rock fegen sie in 70er-Jahre-Klamotte alles weg, was nicht niet- und nagelfest ist. Mit dabei das heute releaste Album "Bent", in deren Produktion die Masterminds Stue Mackenzie und Joe Walker der Gizzard's ihre Finger im Spiel hatten. Und das hört man! Wir nicken im Takt und können unsere Augen kaum von Drummerin Amy nehmen, die nicht nur mit viel Taktgefühl die Songs antreibt, sondern auch noch Lead-Gesang performt! Wow!

Mit Vorfreude begeben wir uns nach diesem Ereignis ins große Zelt, wo wir Snail Mail in die Arme nehmen wollen. Auf der Bühne steht eine zierlich wirkende Frau mit einer packenden Vehemenz im Gesang, Frontfrau Lindey Jordan. Bedauerlicherweise vermag sie es an diesem Tag nicht, die positive Stimmung zu reproduzieren und motiviert uns mit kontinuierlichem Bemängeln der Soundqualität dazu, das Zelt zu wechseln. # derTonmachtdieMusik
Von der Schneckenpost ziehen wir also weiter zu Postcards, die im Hüttenzelt feinsten Dreampop/Indie-Rock kredenzen.

Kevin Morby wird zum weiteren Highlight diesen Sonntags und des gesamten Festivals. Die Liveversionen seiner Lieder werden zu ausgedehnten, ganz fein instrumentierten Musikstücken, die im Wechsel zwischen schnell und langsam, Auf und Abs, instrumental und choral immer wieder auf mehrere Höhepunkte aufbauen. # Ohhowyoumakemyheartbeat
Die sieben Bandmitglieder spielen sich in kreisförmiger Aufstellung zu Virtuosen ihrer jeweiligen Instrumente; setzen zum richtigen Zeitpunkt ein, befeuern und ergänzen sich; Die Saxophon-Einlage in „No Halo“ sticht hervor. Der dirigierende Kevin Morby macht die Morby-Komposition dahinter deutlich. Sein Gesang hat den Morby’schen Slang in der Stimme und ist dennoch klar und einwandfrei. Zum Abschied beschenkt er uns mit einer dynamischen Darbietung von „Harlem River“ und roten Rosen.

Tiefenentspannt hoppen wir zum nächsten Zelt, in dem uns International Music in Augen und Ohren stechen. Die drei schnieken Essener Boys liefern das ab, wofür das Hüttenzelt steht: potentielle Lieblingsmusik, Neuentdeckungen, Nähe, etwas Weirdness. Die Nähe manifestiert sich hier und jetzt auch im Zuschauerraum - zu keinem anderen Moment dieses Wochenende standen die Leute hier so dicht und vorbereitet: es wird mitgesungen, getanzt, gefordert. In sanfter Mehrstimmigkeit treffen sich Sänger und Gitarristen Peter Rubel, Bassist Pedro Goncalves Crescenti und Joel Roters an den Drums und schrammeln das Publikum in Ekstase. Sogar ein Zugabe-Schmankerl gibt es zuletzt: an Stelle eines Witzes ("Bei Festivals muss ja alles recht zügig gehen. Ich kann euch nen Witz erzählen.") gibt es dann doch noch "5.000 Saiten" mit Solo-Gitarre auf den Weg.

Was da im Schein der Sonntagabendsonne bei JNR Williams aus England im Parcours passiert, gehört zu den Höhepunkten (kann man zu viele Highlights haben?!) des Festivals und vermutlich zum Serendipitäts-Moment einiger Besucher – der Moment, der dein Herz füllt, weil im Raum eine Energie entsteht, die jeden zu erreichen und alle für einen Moment zu verbinden scheint. Seine geschulte R'n'B- und Soul-Stimme – leicht untermalt von entspannten Beats und souligen Back-Vocals – berührt von Beginn an und lässt bis zu seinem letzten Song „A Prayer“ alle Besucher von ihren Sitzen reißen. Der Parcours d’Amour wird seinem Namen mal wieder gerecht. So kann man das Festivalwochenende gut ausklingen lassen.

Kurz bevor wir das Festivalgelände für dieses Jahr verlassen, streifen wir noch Faber im Palastzelt, der wie zu erwarten den Maifeld-Massen taugt und mit seiner ohrenschmeichelnden Schlafzimmer-Stimme tief unter die Haut geht. "Wem du's heute kannst besorgen" wabert alsbald aus der Ferne wie ein Faber im Wind und geleitet uns in Richtung Heimweg.
Die Stimmung ist gefüllt mit Wohlgefühl und Wehmut gleichermaßen. Das Maifeld ist und bleibt ein besonderes Festival. Es ist ein Ort, an dem Steckenpferddressur-Spaß, Lesungen und ein nachhaltiger Kunstmarkt genauso Platz finden wie ein überzeugendes musikalisches Programm und wo der Spagat zwischen Generationen funktioniert. Ein Ort, an dem gesetzte Headliner genauso wie noch unbekannte Neuentdeckungen gebührend gewürdigt werden. Die Freude der Musiker*innen, die das erste Mal vor dem großen und annehmenden Maifeld-Publikum auftreten, ist jedes Mal eine Wonne. Danke Maifeld. Wir sehen uns hoffentlich 2021, wenn wir dein großes Jubiläum feiern dürfen.

Autorinnen: Jelka Ottens, Bettina Marquardt
Hier geht's nochmal zu Tag 1 und Tag 2.

Text:
Redaktion
Geschrieben am
18. Juni 2019
Kevin Morby Kevin Morby
folk, seen live, singer-songwriter, Indie, lo-fi
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