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Das 9. Maifeld Derby - Tag 1
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Das 9. Maifeld Derby - Tag 1

Das 9. und letzte Maifeld Derby vor der Verschnaufpause liegt hinter uns. Trotzdem sind wir überzeugt, dass die fette Jubiläumssause nur vertagt ist, denn von Müdigkeit seitens der Veranstalter ist nichts zu merken!

"Heute geht's los! Wir freuen uns schon sehr auf euch. Das letzte Derby vor der Pause. Mindestens. Bitte unbedingt so feiern als wäre es das letzte." (Quelle) ruft das MD-Team Freitag Mittag sein Gefolge noch auf Facebook auf. Auch ohne dieses Regenwölkchen im Hinterkopf swipen wir mit Ankunft auf dem Gelände erst mal unseren Lieblingsfilter auf unser Wochenende: etwas sonniger, ohne Alltagsstress, Probleme, nervige Arbeitskolleg*innen, drängende Deadlines, rote To Do's. Einfach 3 Tage Musik, Ausnahmezustand, Kompromisslosigkeit. Einfach Maifeld.

Der Timetable offenbart ein dicht getaktetes Programm, denn mal wieder: allzu glücklich das Booker-Händchen. Der Zeltnachbar spricht uns aus Seele: dem Booking auf dem Maifeld kann man blind vertrauen. So ist zumindest die Serendipität gewährleistet - das glücklicherweise-über-etwas-stolpern-das-man-gar-nicht-explizit-gesucht-hat. In unserem Fall zahlreiche Bands, zumeist im Hüttenzelt (ehemals Brückenawardszelt) aufzufinden.

Erster Serendipitäts-Fall: Ider auf der Fackelbühne: zwei Frauen in ihren End-Zwanzigern, die sich mit betörendem Indietronics/Indie-Pop und klaren Vocals arrangieren. Das Gelände ist noch angenehm leer und lädt zum Flanieren, Verköstigen und Entspannen ein. Gelockt von zum Tanz fordernden Tönen aus dem Palastzelt folgen wir der Einladung und stoßen auf Jordan Rakei, welcher soulig-schwoofig-soften Synthesizer-R'n'B kredenzt. Claps, Beats, mittig bis hohe Mehrstimmigkeit und Keys weben sich vor unseren Augen zum Flokati.

Dass sie es tun würden, wussten sie wohl nicht, doch R'n'B reicht Garage-Rock das Mikro: Gurr machen sich auf der Fackelbühne bereit und breit. Laura Lee und Andreya Casablanca werfen das Sonnenlicht, das sich in ihren zum Publikum gewandten Gesichtern bündelt, auf ebendieses zurück! Das Duo hat sich in den letzten Jahren zu Bühnenprofis gemausert, was sich nicht zuletzt in einer reibungslosen, sowie ausgefeilten Setlist manifestiert, sondern auch im Umgang mit dem Publikum, der allgemeinen extrovertierten Bühnenpräsenz und dem bejahenden Publikum. Gurr zählt dieses Jahr mit Sicherheit zu den Highlights vieler Derbianer*innen. # grlpwr

Keine Verschnaufpause gewährend, geht es nach den letzten Tönen der Gurrls weiter mit einem Act, der schon 2017 (genau wie Kate Tempest) für Furore gesorgt hat:Parcels. Disco-Soul aus Australien (seit 2015 Wahlheimat Berlin), inkorporiert von 5 schnieken Träumchen, die die wilden 70er notenweise zurückbringen. Dass sie mit Größen à la Daft Punk gemeinsame Sachen machen hört man nicht zuletzt in der Singleauskopplung Overnight (oder hört sich das nur für uns nach "Get Lucky" an?!). Dass die Fan-Schar mit am Start ist, ist schwer zu überhören, so hallen die Whooo's von einem zum andern Ende des Zelts und wieder zurück. Die Band ist dabei charmant, gefühlvoll und enthusiastisch wie eh und je! # geschicktverpackt

Weiter geht’s zum Schauspiel der Sleaford Mods aus Nottingham vor die Fackelbühne. Ihr Auftritt ist mehr eine sonderliche, gar komische up-beat-Performance. Jason Williamson haut seine wütenden Flüche raus, während Andrew Fearn mit einem Bierchen in der Hand eine Stunde lang eine alleinige Danceshow hinlegt. Das muss man erstmal nachmachen – kein Mischpult, kein Instrument, nichts hinter dem man sich verstecken könnte. Der „Riot“-Schriftzug auf seinem T-Shirt unterstreicht das Bühnenprogramm perfekt. Das ist wohl wahrer working class shit.

Das abermalige Kontrastprogramm folgt in Form der 7-köpigen Bande um stimmgebende Gewalt Alexis Taylor: Hot Chip versetzen mit Perlmutt-artigen Bühnentrennern in Staunen; Übertrieben stark dazu der typische Indie-Synthie-Sound, welcher mit Taylor's Stimme ein Gefühl von Vertrautheit und den zwei Schlagzeugen den Crunch von Chips liefert. Hier wird getanzt, mit der Flasche Bottleneck gespielt und dem Freitag ein Krönchen aufgesetzt. Mit frontal-Pogo geht es währenddessen heiß her im Hüttenzelt: Karies animieren den Rest vom Fest zum Vollkontaktsport ohne Angst vor Kronen-Verlust.

Während andere Gemüter noch genug Kraft in den Beinen haben mögen sich Alcest anzusehen, nutzen wir die 30-minütige Pause, um dem fröhlichen Treiben zwischen den Bühnen und in der Fressmeile zuzusehen, primären Bedürfnissen nachzugehen und das soeben Erlebte sacken zu lassen. Um 00:50 Uhr geht es daraufhin im Palastzelt weiter für HVOB. Die Frage, warum das Wiener Produzenten-Duo keine professionellen Schnappschüsse zulässt, schwebt gemeinsam mit dem Rauch der Nebelmaschine in der Luft und verpufft alsgleich. Ab sofort ist Treibenlassen der Fokus. Das Palastzelt lichtet sich gemächlich gegen Ende der Show und das glitzernde Antlitz drückt sich ins Kissen der Nacht.

Hier geht's zu den Berichten von Tag 2 und Tag 3
Autorinnen: Jelka Ottens, Bettina Marquardt

Text:
Redaktion
Geschrieben am
18. Juni 2019
Jordan Rakei
Novaa
Gurr Gurr
garage, bandcamp
Parcels Parcels
Indie, seen live, indie pop, twee, funk
Sleaford Mods Sleaford Mods
Indie, punk, alternative rap, british, under 2000 listeners
Got Chip
HVOB HVOB
house, deep house, electronic, female vocalists, austrian
Karies Karies
punk, noise, grindcore, post punk, deutschpunk