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Interview mit Tamino auf dem Maifeld Derby 2018
 
 

Interview mit Tamino auf dem Maifeld Derby 2018

Nach dem beindruckenden Konzert im Parcours D’Amour auf dem diesjährigen Maifeld Derby hatte unser Autor Mike Rilling noch Gelegenheit, dem belesenen Songwriter aus Belgien ein paar Fragen zu stellen:

Kulturpegel (KP): Tamino, wie fühlst Du Dich nach deiner Show, bist Du mit Deiner Performance zufrieden?

Tamino: Ich fühle mich sehr gut, danke. Ich bin vor allem glücklich und zufrieden mit dem Publikum, sie waren sehr nett zu uns.

KP: Den Eindruck hatte ich auch. Du hast die tiefen Gefühle während Deines Auftritts regelrecht aufgesogen und die Leute waren teilweise regelrecht ergriffen, das war zu spüren. Tamino, mit 21 Jahren bist Du ja noch recht jung. Wann hast Du für Dich entschieden, dass Du Musiker sein möchtest, gab es da eine Art „Erweckungserlebnis“?

Tamino: So weit ich mich erinnern kann, habe ich Musik schon immer geliebt. Ich habe gesungen und Sachen aufgeschrieben, Songfragmente etc. Mit ca.14 Jahren habe ich dann begonnen die Musik sehr ernst zu nehmen, davor habe ich mir darüber eigentlich keine großen Gedanken darüber gemacht. Dann mit 14 Jahren hat es angefangen, dass mir die Musik einfach wahnsinnig viel bedeutet hat und mehr ins Bewusstsein gerückt ist und ich damit begonnen habe, meine eigenen Songs zu schreiben. Davor habe ich 2 Jahre klassisches Klavier gespielt und auch Theater gespielt.

KP: Als Du dann mit der Musik ernsthaft begonnen hast, wer waren Deine größten Vorbilder und Einflüsse?

Tamino: Ich kann mich tatsächlich noch gut an mein erstes Idol erinnern, es war John Lennon.

KP: Ziemlich gute Wahl…

Tamino: (lacht)…es war eigentlich keine Wahl, es ist einfach so passiert. Als ich etwa acht Jahre alt war, hat mir meine Mutter seine Musik gezeigt. Und nicht nur seine Musik, sie hat mir auch Bilder von ihm gezeigt, mir seine komplette Geschichte erzählt, bis zu seiner tragischen Ermordung. Er war mein Held, so einfach. Ich wollte so sein wie er, so aussehen wie er, Piano spielen, so wie er es auch tat. Wegen ihm habe ich mit klassischem Klavier angefangen. Meine Mutter hat mich als Junge zur Musikschule gebracht und dort habe ich das Piano ausgewählt, wegen John Lennon und Songs wie „Imagine“.

KP: Und was dreht sich jetzt aktuell gerade auf Deinem Plattenteller?

Tamino: Ich höre mir sehr viel Musik an. Auf dem Weg hierher habe ich mir Kendrick Lamar angehört. Gestern auch schon und zwar sein Album „To Pimp A Butterfly“ und heute „DAMN“.
Er ist einfach ein brillanter Textschreiber und großartiger Rapper. Er ist der beste, unglaublich.
Ich mag ihn und seine Musik wirklich sehr. Ich hatte mir nie die Zeit genommen seine Sachen in Gänze und Ruhe anzuhören, also hab ich das jetzt „on the road“ gemacht und bin sehr froh darüber. Aber eigentlich lese ich noch viel mehr, als dass ich mir Musik anhöre.

KP: Was liest Du denn im Moment?

Tamino: Ich bin gerade durch mit „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Milan Kundera. Außerdem habe ich gerade mit Homers „Ilias“ begonnen. Ich denke, es ist wichtig, zu lesen, wenn man Songwriter ist.

KP: Dann beziehst Du Deine musikalische Inspiration also auch zu großen Teilen aus Literatur?

Tamino: Ja, bestimmt. Wenn wir da gerade über Kunstformen reden, könnte man sagen, dass Literatur für mich wichtiger ist als Musik. Sie ist sehr inspirierend für mich.
Nehmen wir an, Du würdest mich mit einer Gitarre auf einer einsamen Insel aussetzen, und fragen, was ich mir als Inspirationsquelle wünschen würde, würde ich Dich um sehr viele Bücher bitten, nicht um sehr viele Platten oder Musik. Die Botschaften in einem guten Buch verselbstständigen sich in mir und suchen sich einen Platz. Uns selbst bei einem weniger guten Buch, dass vielleicht nur eine einzige Weisheit enthält, bleibt diese in meinem Gedächtnis und an mir haften. Es ist einfach schön zu lesen. Aber es sind nicht nur andere Kunstformen, die meine Musik inspirieren, die wichtigste Inspiration ist sicher mein Leben als solches.

KP: Ist die „Habibi“ EP eigentlich Deine erste Veröffentlichung?

Tamino: Ich habe letztes Jahr in Belgien und den Niederlanden bereits eine EP veröffentlicht. Die „Habibi“ EP ist also eigentlich ein Re-Release, dieses Vorgängers, aber nun eben auch international erhältlich.

KP: Die „Habibi“ EP war zeitweilig sogar Nummer eins in den französischen Charts, richtig?

Tamino: Ja.

KP: Wie fühlt sich das an?

Tamino: Unbeschreiblich, einfach fantastisch.

KP: Kommt dieser Erfolg für Dich überraschend oder hast Du damit in irgendeiner Form gerechnet?

Tamino: Kommerzieller Erfolg ist immer eine Überraschung. Ich meine, es ist schön das zu erleben und ich bin sehr dankbar dafür und sehe nichts als selbstverständlich an, habe aber andererseits auch immer an meine Musik geglaubt und daran, dass es für meine Musik ein Publikum geben wird. Darüber war ich mir nie unsicher, aber natürlich, Nummer eins in einem Land zu sein ist immer eine Überraschung. Immer. Lustig, dass das nun mit einer EP geschehen ist. Das komplette Album muss ich ja erst noch rausbringen, was nach dem Sommer der Fall sein soll.

KP: Bei der selben Company (Unday Records)?

Tamino: Ja, ich habe dort gerade unterschrieben.

KP: Wie kam eigentlich die Zusammenarbeit mit Colin Greenwood (Anm. d. Red.: Bassist von Radiohead) bei Deinem Song „Indigo Night“ zustande?

Tamino: Wir haben uns durch gemeinsame Freunde kennengelernt und auch auf einem Festival in Belgien, wo wir beide auftraten, getroffen. Daraufhin habe ich ihn auf ein Konzert von mir nach Antwerpen eingeladen. Nach dem Konzert, nachdem ich noch am Merchandise Stand war, kam er zu mir, mit der CD und Vinyl meiner EP unter dem Arm und hat mir gesagt, wie großartig er die Musik findet. Nach einem weiteren Konzert, bei der er wieder zugegen war, habe ich ihn dann einfach gefragt, ob er nicht auf meinem nächsten Album spielen möchte. Es war eine sehr schöne Recording Session, für die er sich sehr bei uns bedankt hat. Er war sehr nervös vor den Aufnahmen, da er davor noch nie für jemand anderes den Bass eingespielt hatte. Wahrscheinlich hatte er kurz vergessen, dass er ja der Bassist von Radiohead ist..(lacht). Aber er war auch sehr gut vorbereitet, hatte eine wunderschöne Basslinie für „Indigo night“ bereits im Kopf als er ankam.

KP: Was ist mit Deiner Band, die Dich auf der Bühne begleitet. Schreibt ihr auch Songs zusammen?

Tamino: Nein, die Kompositionen sind alle von mir.

KP: Also sind sie mehr oder weniger Deine Angestellten oder doch auch Freunde?

Tamino: Beides. Ich stelle sie an, um mit mir zusammen zu spielen, sie haben ansonsten ja noch andere Projekte. Auf der anderen Seite freundet man sich auch an, wenn man die ganze Zeit zusammen unterwegs ist und sich mag. Es ist toll mit Ihnen unterwegs zu sein, mit der ganzen Crew. Ich habe immer davon geträumt das zu tun, also auf Tour zu gehen. Und jetzt mache ich das, mit den richtigen Leuten. Das ist wirklich cool.

KP: Ich habe gehört, dass Du nächsten Monat auch auf dem Montreux Jazz Festival auftreten wirst. Darauf freust Du Dich bestimmt, oder?

Tamino: Ja, absolut, das wird cool. Hast Du das Nina Simone Konzert vom Montreux Festival auf YouTube gesehen ?

KP: Nein, bisher noch nicht.

Tamino: Das ist wirklich verrückt, sie legt sich fast mit ihrem eigenen Publikum an. Sie ist so aufrichtig, aber auch zynisch bei diesem Auftritt. Aber ihr Spiel ist herausragend. Auf der selben Bühne, oder zumindest auf dem selben Festival zu spielen, wie sie ist wirklich großartig.

KP: Deine gesanglichen Fähigkeiten stechen sofort heraus.

Tamino: Danke.

KP: Ist das etwas, an dem Du hart gearbeitet hast, oder fällt das eher in die Kategorie einer natürlichen Gabe, die du vielleicht noch ein bisschen kultivieren musstest?

Tamino: Man wird mit einer Stimme, einem Klang geboren, den man auch nicht ändern kann.

KP: Du scheinst aber mindestens 3 verschiedene Stimmen zu haben, allein schon durch die vielen Oktavregister, die Du abdecken kannst.

Tamino: Man perfektioniert seinen Sound. Ich habe einen natürlichen Stimmumfang von 4 Oktaven. Und man muss natürlich diesen Sound und wie er sich tonal in den unterschiedlichen Höhen anfühlt und anhört trainieren, das ist tägliche Routine bei mir. Eigentlich wie Muskeltraining oder ins Fitnessstudio gehen - nur halt für Stimmbänder und Muskulatur. Wenn man jeden Tag auftreten können will, muss man das auch machen, sonst verliert man seine Stimme nach ein paar Auftritten.

KP: Mir ist aufgefallen, dass Du die Gitarre fast ausschließlich mit den Fingern spielst. Wie bist Du überhaupt zur Gitarre gekommen und war das eine große Sache für Dich?

Tamino: Ja, das war schon eine große Sache. Ich habe Dir ja erzählt, dass ich erst mit Klavier begonnen hatte, dann mit 15 Jahren bin ich zur Gitarre gekommen und war total davon besessen.
Bereits nach einem Monat habe ich damit auf der Bühne gespielt. Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass ich eine bessere Verbindung zum Publikum habe, wenn ich Gitarre spiele und singe, anstatt Piano zu spielen und zu singen.

KP: Du hast eine Kooperation mit einem kleinen Gitarrenhersteller, die sogar ein spezielles Custom Model für Dich gebaut haben. Wie kam es dazu?

Tamino: Ja, die habe ich zum Beispiel beim ersten Song gespielt. Ja, unglaublich, die haben ne Gitarre für mich gebaut (lacht). Das ist die Firma MIL. Ich kenne die beiden Typen aus meiner Heimatstadt und bin mal zu Ihrer Werkstatt wegen kleinerer Reparaturen an einer meiner anderen Gitarren. Und plötzlich wollten die eine Gitarre für mich bauen. Das war so lustig, weil sie keine Ahnung hatten, worauf sie sich da eingelassen hatten. Ihnen war nicht klar, dass ich einen sehr speziellen Geschmack habe, was das angeht (lacht). Also die so: „ Willst du ne Telecaster?“ Und ich so: „ Ja, klar, ne Telecaster ist ne prima Sache.“ Die dachten wohl, sie könnten einfach ein paar kleine Veränderungen an ihrem Basismodell machen, bis ich dann meinte, ich bräuchte aber noch dieses und jenes und vor allem diese Pickups, etc. Am Ende mussten sie die Gitarre von Grund auf neu konzipieren.

KP: Was ist so speziell an dieser besagten Gitarre, verglichen mit einer regulären Telecaster?

Tamino: Die Pickups sind andere, als bei einer normalen Telecaster und die sind nunmal ziemlich wichtig für den Sound. Bei meinem Modell sind es Lollar Pickups. Die Inlays auf dem Griffbrett haben sie so nachempfunden, dass sie aussehen, wie die Inlays meiner Resonator Gitarre, die nebenbei bemerkt die Gitarre meines Großvaters ist. Dann auch noch das Thinline Design mit dem F-Loch, das ist schon alles sehr speziell. Just a kick ass guitar! Cool!

KP: Wie lange bist Du noch unterwegs auf dieser Tour?

Tamino: Es werden noch ein paar Konzerte im Sommer sein, aber nicht zu viele. Unter anderem zusammen mit Ben Howard. Dann ein paar Wochen frei und dann, wenn nach dem Sommer das Album rauskommt, werden wir für immer auf Tour sein (lacht).

KP: Tamino, vielen Dank für das interessante Gespräch!

Tamino Tamino
seen live, Indie, pop, alternative, folk
Text:
Mike Rilling
Geschrieben am
02. Juli 2018