Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

alt-J in der Maimarkthalle

Eine Frischzellenkur für die tradierten Spielarten des Pop.

Polyrhythmische Klicker-Klacker-Beats. Knarz-Synthie. Folkgitarre. A capella-Orgien. Das Delta. Na, welche Band könnte wohl gemeint sein? Seit An Awesome Wave vor drei Jahren Popmusik auf den Kopf gestellt hat, weiß das vermutlich jeder Röhrenjeansträger von hier bis an den Polarkreis: alt-J. In der Maimarkthalle in Mannheim ging gestern ihre Deutschlandtournee zu Ende.

Wie ist es möglich, drei Jahre nach An Awesome Wave, weiterhin Songs zu schreiben und aufzuführen, die nicht alles erstrittene und erkämpfte Land bloßstellen und zum Cliqué machen? Headline-Shows auf großen Sommerfestivals, Headline-Touren durch Europa und die Staaten, Fernseh-Auftritte in allen Sprachen, Mercury-Preis, Millionen verkaufte Alben und nicht zuletzt das YouTube-Video How To Write an alt-J-Songalt-J sind Indie-Superstars. Ihr Sound, die Instrumentalisierung, die Optik – längst analysiert, kopiert, gesampelt und weiterverarbeitet.

Ihr Konzert in Mannheim ist so auch ein Kampf mit dem eigenen Kult-Status, der Bandidentität und der dauernden Reflexion damit. Während des fast zwei-stündigen Konzerts verbieten sich Joe Newman (Gitarre/Vocals), Thom Green (Drums), Cameron Knight (Bass) und Gus Unger-Hamilton (Keyboards), die sich 2007 beim Kunst- und Literaturstudium in Leeds kennenlernten, fast jede große Geste, jede dramatische oder spektakuläre Pose. Das ist Arbeit an kruden Rockismen und tradiertem Starfetischismus. Was in Videos und Interviews klug und geschickt ist, wirkt in einer Live-Situation vor rund 3000 Fans doch manchmal unterkühlt und unnahbar. Anders die großartige Vorband Hundreds.

Was alt-J auch immer besonders gemacht hat, ist auch in der Maimarkthalle spürbar: Hits, Hits, Hits. Die jungen Briten haben auf ihren beiden Alben eine riesige Sammlung, einen immensen Fundus an großartigen Popsongs geschaffen und somit den Sound des letzten Jahrzehnts definiert, wie kaum eine andere Band. An Awesome Wave (2012) hat Popmusik grundlegend verändert. In Tracks wie Fitzpleasure oder Breezeblocks zeigte sich in Mannheim in einer geschredderten Mixtur aus Genres, Stilen, analogen und synthetischen Elementen, Orchestertricks, choralem Gesang und frechem Sampling die vielzitierte Hybridisierung des Pop. Eine Frischzellenkur für alle angestaubten Spielarten von Hip Hop, Electronica, Wave, Folk und Post-Punk – die Erfüllung der postmodernen Hoffnung auf Grenzenlosigkeit durch spielende Überschreitung. Das ist schlicht nicht weniger als das gelungene Update und die Fortführung der Arbeit von Pionieren wie David Bowie, Damon Albarn, De La Soul oder Madonna.

Gerade Breezeblocks, Taro und Mathilda sind die Momente, die in Mannheim die Magie und Einzigartigkeit von alt-J eindrücklich vorführen und das Publikum rühren. Die beeindruckenden A capella-Motive und unendlich erhabenen Arab-Streicher in Taro erinnern daran, warum diese Band da steht, wo sie heute steht und warum das vermutlich richtig ist. Wie das in eine überdimensionale Multifunktionshalle passt, in der sonst vielleicht Monster-Truck-Rennen stattfinden könnten oder die CDU ihren Landesparteitag hält? Warum alt-J rund 30 LED-Monitore hinter sich hängen haben, überall und gleichzeitig 2000 LED-Bars blitzen und warum Gründungsmitglied Gwin Sailburry letztes Jahr ausgestiegen ist? Ein Teil der Antwort würde sie vermutlich verunsichern.

Text:
Stefan Sommer
Geschrieben am
24. November 2015
alt-J alt-J
Indie, electronic, british, alternative, indie pop