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Transzendieren auf Türkisch

Zur Zeit sind sie in aller Munde und das zu recht. Die türkisch-holländisch-indonesisch-englische Multikulti-Truppe aus Amsterdam rockt die Dieselstrasse.

Weil noch ein paar Leute rein wollen und glücklicherweise auch dürfen, betreten Altin Gün erst nach 21 Uhr die Bühne im komplett ausverkauften Saal der Dieselstrasse.
Eine wunderbare Mischung aus älteren und viel jüngeren Menschen, die entweder durchgehend tanzen oder sich einfach von der Musik davon tragen lassen, hat sich an diesem Abend eingefunden, um mit einer Band zu feiern, die grandiose Klangteppiche aus anatolischen Liedern der 1960/1970er Jahre, rohem Funk und psychedelischen Rockelementen knüpft.

Altin Gün beginnen direkt mit „Yolcu“, dem Opener ihres aktuellen Albums „Gece“ und haben damit das Publikum bereits nach dem ersten Hall- und Delay durchsetzten Gitarrenakkord auf ihrer Seite. Das ändert sich auch bis zum Ende der letzten Zugabe nicht mehr an diesem Abend. Bis auf zwei Songs vom Erstlingsalbum „On“ (2018), kurz vor Ende des regulären Sets, bei denen der Drive minimal zurückgenommen wirkte, gelingt es Ihnen spielerisch, den Flow aufrecht sowie die Tanz- und Eskalier-Quote unter den Zuschauern und den Druck auf dem Kessel allgemein, hoch zu halten. Das Album „Gece“ (2019) spielen sie komplett, vom Vorgänger immerhin mehr als die Hälfte. Allesamt mit höchster Präzision und viel Verve dargeboten an diesem Abend in Esslingen. Besonders bei „Süpergesi Yoncadan“, dem letzten Stück auf „Gece“, das sie als eine von drei Zugaben spielen, wird das deutlich. Die catchy Synth-Leads, bringen die Menge in Bewegung, während die Stimme von Sänger Erdinç Ecevit den Sog einer Predigt entfaltet. Überhaupt haben Altin Gün einige Funk- und Disco-Elemente im Repertoire.

Der durchgehend stabile, knochige und funky groovende Bass von Bandgründer Jasper Verhulst bildet zusammen mit den Drums von Daniel Smiek, die beide bereits mit Gitarrist Ben Rider in einer früheren Formation zusammen in Amsterdam gespielt haben, den Pulsschlag und Ankerpunkt des Altin Gün Sounds.

Percussionist Gino Groeneveld umspielt diesen Groove oft federnd und pulsierend, was die Tanzbarkeit der Altin Gün Stücke erhöhen soll. Und das gelingt auch ziemlich gut, denn die ersten Reihen vor der Bühne sind eher dancefloor-mäßig ausgelastet.

Melodisches, harmonisches und optisches Zentrum bei Altin Gün sind Sänger und Multi-Instrumentalist Erdinç Ecevit sowie Sängerin und Keyboarderin Merve Dasdemir. Erdinç ist ein großartiger Sänger, ein virtuoser Bağlama Spieler und ein Magier an den Synths. Man muss es wirklich erwähnen, dass das gesamte Publikum beseelt war, von der Art und Weise mit der er teils im Zusammenspiel oder abwechselnd mit Gitarrist Ben Rider, halsbrecherische und coole Intervalle und Tonfolgen aus den Synths oder der Bağlama herausholte, die teilweise noch überragender klangen, als sie das auf dem „Gece“ Album eh schon tun.
Die zweite großartige des Stimme des Abends, war die von Merve Dasdemir. Sie ist diejenige auf der Bühne, die immer wieder mit dem Publikum teils auf englisch, teils auf türkisch kommuniziert und offenbar an diesem Abend sehr viel Spaß hat, was in einem Tänzchen in der Menge mit dem Publikum gipfelt. Mit Ihrer stimmlichen und tänzerischen Präsenz hat sie zudem großen Anteil an den überragenden Vibrations dieser Show.
Nicht zu vergessen das wirklich sehr geschmackvolle und tighte Gitarrenspiel von Ben Rider, der eigentlich immer das Richtige macht. Wo gefordert, brennt er ein Vintage-Sound-Feuerwerk ab, ansonsten grooved er sich durch den Abend und hat einfach einen super Sound! Bei diesem Stichwort muss noch erwähnt werden, das sowohl Band als auch die Engineers einen mehr als guten Job gemacht haben und der Sound allgemein sehr transparent war, aber auch mit viel Power rüberkam. Und auch die Dieselstrasse als Veranstaltungsort hat perfekt gepasst.

Nach Esslingen stehen noch vier weitere Shows in Deutschland an, dann brechen Altin Gün nach Nordamerika auf. Sie sind derzeit gut beschäftigt und viel auf Tour. Wahrscheinlich kommen sie bei der nächsten Deutschland Tour schon in größere Locations - unbedingt ansehen und abheben!

Text:
Mike Rilling
Geschrieben am
25. Juni 2019