Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Dagobert

Trotz vieler Kostümwechsel keine Helene-Fischer-Schlagerparty.

Den Opener an diesem lauen Sonntagabend geben SIND aus Berlin. Super Bandname. Vor allem, wenn man den googelt. Und ich dachte schon, Boy wäre schwierig bei der Web-Recherche. Nun denn.

SIND sind drei lederbeschuhte Herren, zwei an der Gitarre (Maxl Rose und Hannes Husten) und Arne in der Front am Gesang, in seiner Attitüde an den Lindenberg erinnernd und schnieke zurecht gemacht. Passend zum Dagobertschen Dresscode, der da heißt „wohlgekleidet“. Auch musikalisch passen die Herren gut ins Abendkonzept: Eingängige Melodien und richtig schöne deutsche Texte über das Gemeinsam Einsam-sein, den Minnegesang 2.0, der sich im Wonderwall unter deinem Balkon-Singen auszeichnet oder über Betty Ford. Kann man sich merken, die Band SIND. Wie gesagt, der Name macht es uns leicht. Nach ihren selbst betitelten „Kleinen, süßen Set“ verabschieden sich SIND mit den Worten „Fühlt euch geliebt, geherzt, geküsst“. Grund genug, dass sich die beiden Gitarristen beim Verlassen der Bühne einen Schmatzer auf den Mund geben. Aww.

Der ClubCann ist heute Abend angenehm gefüllt, aber bei Weitem nicht ausverkauft. Auch das dagobertsche Publikum ist herrlich durchmischt: Vom schick zurechtgemachten Pärchen in der erste Reihe über ganz viele Menschen mittleren Alters wie du und ich, bis hin zu bärtigen und glatzköpfigen Altrockern ist alles versammelt. Auch eine gewisse Nicola Rost, ihres Zeichens Frontfrau von Laing, wurde gesichtet.

Kurz vor 21 Uhr betreten die beiden SINDschen Gitarristen neu gedresst und mit musikalischer Verstärkung durch Fridolin Gross an Drums und Boss Bellinger an den Tasten unter dezenten Dagobert-Chören aus der Menge die weltbedeutenden Bretter. Selbiger zieht während des Meeresrauschen-Intros nach und lässt sich, mit gewohnt wenig emotionaler Mimik, feiern. Am Moonlight Bay beginnt unser Abend und fliegt als Raumpilot weiter in Dagoberts Welt, der sich anschließend im schwarzen Overall beim Stuttgarter Publikum erkundigt: Hast du auch so viel Spaß?. Im Dreivierteltakt wird vergnügt singend bejaht, wofür Stuttgart das Prädikat „OK“ erhält. Net gebruddelt ist halt globt gnug, gell?!

Es folgt das melancholische Wir leben aneinander vorbei, bei dem Mille von Kreator auf Dagoberts aktuellem Album Afrika die Gitarre einspielte. Der schwarze Overall fällt nun und lässt Dagoberts Kreator-Gürtelschnalle zum Vorschein kommen. Ein sehr sympatisches Dankessymbol. Das traurige Ende eines schönes Tages ertönt. Schluss mit der ganzen Melancholie! Jetzt wird Hochzeit gefeiert mit der schönen Zeile, die mir seit meinem ersten Dagobert-Konzert stets ein Lächeln ins Gesicht zaubert: Du bist viel zu schön um auszusterben, lass deine Kinder deine Schönheit erben. Aww again. Seh’ ich da etwa ein Lächeln bei dir? Dagobert nutzt den festlichen Anlass, um seine Mitmusiker vorzustellen und um von Stuttgart ein Kind zu erbeten.

In zackigem Takt und durch zahlreiche Gesten wie die Faust, den Schweigefuchs (der auf Rock’n’Roll steht), den Zeigefinger und die abschließende Verbeugung fordert der nun im seidenen Tierprint gehüllte Sänger zum Reden auf (Rede mit mir), obwohl er unsere Freunde nicht mag. Er scheint ins Schwitzen zu kommen, verschwindet hinter der im Bühnenbackground drapierten Spanischen Wand und kommt mit ärmelloser, schwarzer Kutte und Daftpunk-Sonnenbrille zurück. Die Umbau- ,pardon, -kleidepause wird mit harten Gitarrenriffs versüßt. Sein Outfit scheint nicht zu gefallen, denn ein Dagobert-Fan übergibt selbigem ein weißes Hemd. Dankbarkeit sieht anders aus. Aber Dagobert scheint sich ja immer innerlich zu freuen.
Nach Du Bist Tot, Zehn Jahre und Dschungel verschwindet der Schweizer Schnulzensänger, wie er häufig genannt wird, was ihm aber nicht gerecht wird, samt Band hinter der Bühne, um im schicken schwarzen Hemd zurückzukehren und sofort nach Publikumszuruf Morgens Um Halb Vier und das romantische Angeln Gehen darzubieten.

Nach erneutem Zugabe-Spielchen darf das altbekannte Zu Jung im eigenen Fanshirt natürlich nicht fehlen, bevor die Reise vom Moonlight Bay nach Afrika schlussendlich zu Ende geht.
Den Gesichtern der ClubCann-Besucher nach zu urteilen hat die Reise durchaus gefallen. Dagoberts Lieder bekommen spätestens durch die Bandbegleitung die Ernsthaftigkeit, an der es bei früheren „iPod“-Konzerten einigen Besuchern wohl gefehlt hat. Seine Texte gehen trotz oder gerade wegen der einfachen Reimstruktur nahe - lässt man sich auf sie ein - und zum Schmunzeln findet sich auch genug Zündstoff. Quasi für jeden was dabei.

Immer noch skeptisch? Im Oktober im Merlin überzeugen oder bestätigen lassen!

Text:
Isabel Thalhaeuser
Geschrieben am
21. Mai 2015
Dagobert
electro, old school, e-l-e-c-t-r-o, bass, nu electro