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Das 9. Maifeld Derby - Tag 2
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Das 9. Maifeld Derby - Tag 2

May the Horse Be With You!

Wie jedes Jahr zeichnen sich ab Samstag größere Menschenmassen auf dem Gelände ab. Tatsächlich sind die Tickets für diesen heiter-bewölkten Samstag auch ausverkauft.
Aus dem heimeligen Gefühl heraus, das die Maifeld-Menschen-Atmosphäre hervorruft, starten wir den Festivaltag mit einem Pfeffi-Slush, der uns zugleich als Mundspülung dienen soll und noch den ganzen Tag en vogue bleiben wird. Der Blick Richtung Fackelbühne offenbart nicht nur den nächsten Auftritt, sondern auch das ein oder andere Festival-Accessoire: gesichtet wurde ein Schildkröten-, sowie ein SpongeBob-Rucksack, vereinzelte Blumenkränze, Steckenpferdchen und ein Helium-Einhorn, welches uns noch das ganze Wochenende begleiten soll. # maytheunicornbewithyou

Die Locals Kirchner Hochtief, die lokalen Kennern und Kennerinnen auch durch deren Ausstellung im Port 25 (Raum für Gegenwartskunst) bekannt sein könnte, eröffnen den heutigen Tag. Unsere zu diesem Zeitpunkt noch recht wenig aufnahmefähigen Gehirne vermögen die Tiefsinnigkeit des Künstlerkollektivs noch nicht zu erfassen. Eine Auseinandersetzung mit den Fragen, ob "der Popmusiker nicht Künstler, sondern Dienstleister, stets produktives Produkt, immer in Perfektion, immer an der Oberfläche" ist, geht daher komplett an uns vorbei. Lediglich unsere Füße wippen intuitiv auf den hinteren Reihen der Fackelbühne zu deutschsprachigem Indierock mit eingängigen Gitarren-Riffs. # ichbinsoleerwiedasOinGott

Nach dem Konzert ist vor dem Konzert und so überbrücken wir die 20 min Umbauzeit mit unserem guilty pleasure und toppen die ohnehin schon strahlenden Gesichter mit Glitzer. Optisch flammend und akustisch fluffig geht es weiter mit Anger aus Wien. Feiner Dreampop, der etwas an Beach House erinnert, harmonische Mann-Frau-Zweistimmigkeit, die The XX ins Bild rückt und dann wieder punktueller Einsatz von Auto-tune, klatschenden Beats und Bilderbuch-artig verzerrter E-Gitarre.

Der Hund im Magen knurrt und veranlasst zu abermaliger Handbrotzeit; Ein Blick aufs Handy wird in wenigen Sekunden Scharen zum Parcours d'Amour dirigieren: der unscheinbar und gerne überlesene Surprise Slot wurde mit niemand weniger als Annenmaykantereit gelüftet! Erwartungsgemäß sind die Stuhlreihen bei der Band, die seit zwei Jahren nur noch in ausverkauften Hallen spielt, auch trotz der kurzen Ankündigung zum Platzen voll. Dass die Überraschung im Parcours gezündet wird, ist entscheidend – andernorts wäre das Gefühl, gerade Teil eines Ausnahmemoments geworden zu sein, weniger präsent. Auch dem Act merkt man die Freude an, in der Sonne des zurückhaltenden Nachmittags-Slots spielen zu dürfen. Die Sitzplätze haben sich schon lange nicht mehr so überflüssig gefühlt.

Wir trennen uns. Auf unserem Timetable ist nämlich parallel schon die Bande aus Stockholm mit dem mysteriösen Namen Les Big Byrd fett markiert. Über das fast leer gefegte Gelände locken schon erste treibend-melancholische Töne und schüren die Spannung. In regelmäßigen Nebelschwaden sprühen 4 Typen mit ernster Miene ihre episch anmutenden und teils langsamen Tunes. Fix auf den treibenden Klangteppich gestellt und in Bann gezogen vom Spiel mit dem Publikum; das Licht flackert, während Symphatieträger Joakim Åhlund seine Gitarre lieblos über den Boden schleift und zur Seite wirft. Wir kennen uns noch nicht, planen das aber bei einem nächsten Konzert zu ändern.

Geflasht geht's mal wieder an die frische Luft, wo uns eine spannende Mischung aus Cloud Rap, moderatem Autotune, Pop, österreichischen Moderationsflächen und grandiose Stimmung anzieht. Mavi Phoenix packt uns mit Tempo und lässt die 45 min Stage-Zeit wie im Fluge vorübergehen. Die ersten Lichterketten gehen an, leuchtende Pois werden geschwungen und wir bewegen uns mit dem Strom ins Palastzelt, wo es mit Cari Cari und der plötzlich staubigen Abendsonne Western-Feeling gibt. Nach eigenen Angaben ist das Gründungsziel des österreichischen Duos, einmal im Soundtrack eines Tarantino-Films vorzukommen. Sängerin Stephanie Widmer an Schlagzeug und Didgeridoo und Sänger Alexander Köck an der Gitarre liefern einen stimmgewaltigen, treibenden up-beat Sound, der teilweise sphärisch und spannungsgeladen – fast filmreif – daherkommt und rocken sich damit berechtigt zum Highlight vieler. # Tarantiyes

Im Galopp geht's zu De Staat aus den Niederlanden, die zu "Pikachu" eine Choreografie darbieten, heftig zum Tanzen animieren und mit einem konstanten Vorwärtsdrang an Royal Republic oder gar Electric Six erinnern. Allzu sehr auspowern dürfen wir uns allerdings nicht, da der Folgeact alle Aufmerksamkeit und Bein-Tragkraft abverlangt: zum wiederholten Male gibt sich Kate Tempest auf dem Maifeld die Ehre! Kate Tempest ist hier ein Äquivalent für spoken-word-Performance. Wie 2017 spart Sturm Kate ihre bekanntesten Songs nicht bist zuletzt auf, sondern lässt beispielsweise "Europe is lost" schon früh von der Leine, um mit der rhetorischen Frage, ob sie uns für den Rest der Zeit ihr neues Album "The Book of Traps and Lessons"[2019] näherbringen könne, fortzufahren. Yes please! Fast prophetisch wiederholt sie eindringlich die Kernaussagen ihrer Wortakrobatik, deren Wirkung mit Orgelklängen noch verstärkt wird. Auf der Bühne wird eine Pyramide aus Wortgewalt, subtilen Beats und bewegenden Klängen seitens eines Keyboards geformt. Pünktliche 55 min später ist die Katharsis perfekt und wir geplättet.

Um kurz vor neun lassen Von Wegen Lisbeth den Vorhang fallen und lüften ihre gute-Laune-Musik in das wie zu erwartende volle Zelt. Davon, dass sie angeblich auch schon etwas fertig sind, merkt das feiernde Publikum nichts. Dafür spüren wir unsere Kräfte schwinden und gönnen uns eine kleine Verschnaufpause bevor Balthazar die Fackelbühne zum Glühen bringen.
Freudig gespannt und froh darüber, dass das belgische Quintett (in leicht abgewandelter Konstellation) nach ihren Solo-Ausflügen zurück ist, finden wir uns rechtzeitig vor der Fackelbühne ein und lassen uns von der coolen Darstellung ihres neuen Albums „Fever“ überzeugen. Wohl auch, weil alte – noch rohe – Schmuckstücke wie „Sinking Ship“ mit dabei sind, die noch weniger poppig daherkommen. Die klassischen Streicherelemente von Patricia Vanneste wurden durch den Einsatz des Saxophons von Tijs Delbeke ersetzt. Balthazar hört sich dennoch an wie Balthazar. Es bleibt sexy Musik von fünf sexy Belgiern.

Wake up! W a k e u p! Beim direkt darauffolgenden Auftritt von The Streets (Jep, die alternative Hip Hop Band ist zurück) lässt Mike Skinner keinerlei Ermüdungserscheinungen zu. Mit seinem energetischen Auftritt, bei dem er sich zeitweise ins Publikum mischt, es mit Schampus bespritzt, gleich drei Mädels zum Crowdsurfen animiert (# gogirls!) und uns selbstloserweise immer wieder auffordert, das Glück an den Haaren zu packen („When you smile you will be more happy!“, „This might be your opportunity to have a good time!“), rüttelt er das Zelt so richtig auf. Zwischenzeitlich mag er mit seiner Vehemenz („I will guarantee you Happiness!“) ein paar Zuschauer ans Hüttenzelt verlieren, die er jedoch zum Abschluss mit seinen zwei All-time-Hits „Dry Your Eyes“ und „Fit But You Know it“ alle wieder einfängt und belustigt am LGBTQ-Stecken-Einhorn-Crowdsurf teilhaben lässt.

Den zweiten Festivaltag lassen wir mit Monolink im Palastzelt ausklingen. Seine sphärisch-sanften, langgezogenen Elektronica-Klänge, gemixt mit dem gefühlsbetonten Singer-Songwriter-Gesang und akustischen Gitarrenakkorden, entlocken unseren müden Beinen das letzte Fünkchen Energie.

Hier geht's zu Tag 1 und Tag 3.
Autorinnen: Jelka Ottens, Bettina Marquardt

Text:
Redaktion
Geschrieben am
18. Juni 2019
The Streets
Balthazar
belgian, Indie, rock, alternative, indie rock
Cari Cari
De Staat
rock, dutch, stoner rock, blues rock, alternative
Kate Tempest Kate Tempest
rap, hip hop, spoken word, female vocalists, late junction
Von Wegen Lisbeth Von Wegen Lisbeth
Indie, vonwegenlisbeth, seen live, alternative, favorites
Monolink Monolink
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