Kulturpegel

 
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Die Nerven im Universum

Den Scheiß kann keiner mehr hören.

Buzztard.
Ja, gottverdammt, Die Nerven sind in aller Munde. Egal, ob aus diesem Schlund sonst unflätige Wanda-Textzeilen gegrölt werden oder ihm Pseudo-Phrasierungen philosophischer Pamphlete entfleuchen. Denn kaum eine jener Truppen, die gerade mit Joy Division-Reminiszenzen und sonstigem Post Punk-Unrat um sich werfen, wird so oft genannt, wie die drei Stuttgarter Nihilisten. Die Vergleiche zu Tocotronic kann das Trio wohl selbst kaum mehr hören und das Zitat dieser Spiegel Online Journalisten-Karikatur, die im Hamburger Genpool Brüderlein und Schwesterlein gekreuzt hat, wollen wir hier nicht mehr erwähnen. Denn dem Meinungsinzest zur unlängst veröffentlichten Platte Out zeigen wir den blutig geschlagenen Mittelfinger, den wir sodann auf die Play-Taste unseres Plattenspielers legen.

Und noch während der ersten Umdrehung entfaltet sich uns eine Läuterung nach bester deutscher Industrienorm. Bis zur Hypnose repetitierte, nihilistische Gitarren lassen Die Nerven ihren Geist ausspeien. Aufgesogen von minimalistischen Basslinien schnappen ihn unverhüllte Rhythmen bei der Hand und führen ihn Note für Note über die Umwege des Piano und des Forte an den Rande des Irrsinns. Nackt, schreiend, weinend und keifend steht all das über diese Band Geschriebene, Gesagte und Geglaubte nun vor uns und zerbirst schließlich unter absurden Geistesblitzen. Und so setzen Die Nerven die Einzelteile ihres Selbst auf Out verblüffend reif zu einer Platte zusammen, die ganz einfach nur das ist: Eine Platte.

Kompromissbefreit.
Ob diese Kreationen nebst dem Kritiker-Kollektiv auch der kompositorischen Kultivierung zuträglich sind, wird die Zeit zeigen. Und ob mit dem stumpfen Gegenteil von "In" der Albentitel-Weisheit letzter Schluss gezogen wurde, wollen wir nur zu gern anzweifeln. Fakt ist jedoch, dass diese Truppe dem Konformismus schonungslose Kaltschnäuzigkeit vor die Beine kotzt, die sich allen voran im Live-Korsett entfaltet. Denn immer dort, wo Die Nerven die Scheuklappen auspacken und den Blick nur auf sich selbst richten, wählt irgendwo auf der Welt ein 360-Grad Deal den Freitod. Und genau deshalb wollen wir euch die Vorlesung am 16.12. im Stuttgarter Universum wärmstens ans Herz legen. Schließlich zählt sie zur Pflichtliteratur für alle Stuttgarter, die etwas auf sich halten wollen.

Text:
Michael Maria Morgenbesser
Geschrieben am
07. Dezember 2015
Die Nerven
noise rock, punk, post-punk, lo-fi, german