Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Die Orsons im Wizemann

Die Orsons live zu sehen ist immer wieder eine Freude. Es dürfte schwierig sein irgendwo innerhalb der deutschen Rapszene Künstler zu finden, die mit einer so durchdacht konzipierten Show zu begeistern wissen.

Es ist kurz vor 20 Uhr, als uns klar wird, dass wir wohl noch einige Zeit vor dem Wizemann verbringen werden: Die Schlange vor der Tür ist lang und bewegt sich nur gemächlich vorwärts. Die jüngeren Fans überbrücken die Zeit, um noch schnell ihre mitgebrachten Rum-Cola-Flaschen zu leeren. Ich bin von der Inkonsequenz der Fans enttäuscht und frage mich, warum sich offensichtlich niemand für Apfel-Wodka entschieden hat.

Im Wizemann angekommen erfahren wir, dass der Support-Act und Orsons-Gitarrist Tristan Brusch bereits kurz nach 19 Uhr mit seinem Auftritt begonnen hat. Mir erschließt sich zwar nicht so ganz, warum man den Support bereits kurz nach dem Einlassstart spielen lässt, wenn der Beginn des Konzertes für 20 Uhr angekündigt ist, aber so sind es nur noch ein paar Minuten, bis die fünf Orsons ihre Show beginnen. Noch ausreichend Zeit, um sich mit einem Bier zu versorgen und in der neuen Location umzuschauen, die wirklich gelungen ist.

20.45 Uhr. Das Licht geht aus. Jubel. Ein gepitchtes Sample von Günther Oettinger: “Everybody does as he pleases.” Im Strobo-Licht betritt Bartek die Bühne und am Jubel merkt man jetzt schon, dass das hier ein Heimspiel ist. Die ersten Takte des Beats genügen, um das Publikum in Stimmung zu bringen. Kaum ist der erste Track beendet, bedanken sich die Orsons und verlassen die Bühne. Hier zeichnet sich bereits ab, was den Abend als roten Faden durchziehen soll: Die Jungs sind da, um das Publikum zu unterhalten und ihre Show ist daraufhin konzipiert. So lassen auch die Zugabe-Rufe nicht lange auf sich warten und unter dem drückenden Bass von „Ventilator“ wird die Show fortgesetzt.

Dass Rap-Klischees ihre Sache nicht sind, beweisen die Orsons immer wieder mit kleinen Show-Einlagen. So gibt es Acapella-Ständchen á la Comedian Harmonists und Maeckes bittet das Publikum für seinen Neffen, der an diesem Tag 9 geworden ist und im Publikum auf den Armen seiner Mutter die Show verfolgt, „Happy Birthday“ zu singen. Auch ihrem Ruf als erste Deutsche Rap-Boyband werden die Jungs gerecht: Regelmäßig werden ihre Songs von kleinen Choreografien begleitet, welche die Schwaben tatsächlich nicht als Potpourri von völlig unterschiedlichen Rappern, sondern als eine perfekte Einheit wirken lassen.

Daneben bekommt jeder der Rapper aber immer wieder die Möglichkeit, seine individuelle Persönlichkeit in den Vordergrund zu rücken: Kaas performt „Für immer Berlin“. Bartek lässt das Publikum „Apfelschnitzschneider“ rufen. Tua präsentiert sein Gesangstalent am Keyboard bei „Lagerhalle“ und sein Lungenvolumen bei „Zambo Kristall Merkaba“. Auch hier zeigt sich, wie gerafft und konzentriert die Show ist: Es gibt nur Tuas Strophe, das reicht. Die ist das Highlight des Songs und der Rest wird gestrichen. Geschickt wird immer wieder zwischen den Songs übergeleitet und so bekommt auch Maeckes noch Raum, um zu zeigen, was man bei seinen demnächst wieder stattfindenden Gitarren-Konzerten erwarten kann (Link 1 und Link 2). Und da sich „Unperfekt“ perfekt für eine Akustik-Version eignet, wird mit diesem Song ein kleiner Vorgeschmack gegeben.

Den Abschluss des Konzertes wird – surprise, surprise! – mit „Abschiedsparty“ gefeiert, den die Jungs am Bühnenrand präsentieren. Dass das natürlich noch nicht das Ende ist, dürfte jedem klar sein. Nach einer kurzen Unterbrechung kommen die Orsons also wieder auf die Bühne und erinnern uns, dass das Hier und Jetzt gemeint ist, sollte irgendwann mal der Spruch „Früher war alles viel besser“ fallen. Ein würdiger Track als Zugabe bei einer so gelungenen Show. Am Ende bringen die Orsons natürlich noch einmal „Schwung in die Kischde“, was vom Publikum mit Jubel und wildem Springen gedankt wird. Nach diesem Heimspiel der Orsons dürften eigentlich alle zufrieden nach Haus gegangen sein. Ich trete ebenfalls meinen Heimweg an und singe still vor mich hin: „Sollten unsere Kinder irgendwann mal meckern: ‚Früher war alles viel besser!‘, dann meinen sie damit jetzt, jetzt, jetzt." Und selbst die betrunkenen Wasen-Besucher vermochten es nicht, meine Stimmung zu trüben.

Text:
Robert Willrich
Geschrieben am
27. September 2015
Die Orsons Die Orsons
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