Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Dillon in der Manufaktur

Bühnenauftritt, Stil und Stimme haben sich nicht verändert. Das scheint das Publikum aber auch nicht zu wollen.

Ohne Vorband und recht pünktlich startet das Konzert in der gut besuchten Manufaktur. Dillon bringt einige der alten Stücke mit, spielt sie so schön, dass ich mich den vielen anschließen mag, deren Augen sich schließen und Körper sich winden. Manchmal höre ich sogar neue Ideen in den Stücken von vor zwei Jahren. Bläser bei You Are My Winter? Waren die schon immer da?
Die Lichtsituation ist dafür genauso wie damals. Die Scheinwerfer im Hintergrund scheinen dazu da zu sein, dass Dillon besser ins Publikum sieht. Tatsächlich stelle ich mir vor, dass sie sehen kann, wie ich ihr die Zunge entgegenstrecke. Das hat sie davon. Solche Gedanken habe ich unter anderem, weil mich die neuen Lieder nicht mitnehmen. So stehe ich im Dunkeln und schaue einer Menge wankender Körper zu, die zwar keinen gemeinsamen Rhythmus haben, dafür gleichsam mit mir ins Leere starren.
Spaß habe ich erst wieder an den schon bekannten Titeln. Sonst ist es dunkel.
Sie links mit Keyboard und Stimme live. Er rechts an den Knöpfen, am Rechner, am Synthesizer. Das hat schon was von einem Gesamtkonzept, irgendwie Komposition und so. Den Parabolspiegel mittig aufgestellt, hat er wenig Einsatz. Bestimmt auch Absicht, damit die schönen Lichteffekte nicht langweilen. Ebenfalls Teil der Sache sind die ultra krassen Stroboskope, für die es bestimmt eine extra Genehmigung braucht oder brauchen sollte. Zum zweiten Stück schon feuert Dillon damit Blitze ins Publikum, erzeugt Lichtpanik während mir fast die Linse schmilzt.
Hundert iPhones machen Scheinwerfer-Bilder.
Bei Tip Tapping geht Dillon dann komplett aus sich raus, indem sie sich hinter dem Keyboard hervor traut, nach vorne geht und spricht. Typisch Künstlerin übertreibt sie ihre Metamorphose direkt und fordert einen Kanon vom Publikum. Und jetzt alle Männer, gähn.
Danach zieht sie sich wieder zurück, reduziert sich auf ein 'Danke' nach Nowhere, bei dem manch einzelner Gast Dub zu hören scheint und auch so tanzt, vom Ende ganz überrascht.
Nach diesem kehrt Dillon allein zur Zugabe zurück, spielt noch drei weitere Stücke, darunter ein verstörendes, aber sehr schönes Liebeslied mit Schimpfwörtern.

Als ich gehe, bin ich vielleicht nicht ganz so glücklich wie die Menschen um mich herum, freue mich aber, dass Dillon keine Eintagsfliege bleiben wollte und mit der neuen Platte wieder Hörer gefunden hat.

Text:
Manuel Niedermann
Geschrieben am
09. Oktober 2014
Dillon Dillon
female vocalists, experimental, electronic, piano, german