Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Dream Wife im Merlin

Von Traumfrauen auf Mate, gesellschaftlichen Konstrukten und Lolita-Attitüden.

Vor wenigen Monaten erst klang F.U.U. (Fuck You Up) von Dream Wife das erste Mal schallend über meine Anlage, stieß auf offene Ohren und vereinnahmte sukzessive das Kontrollzentrum für Ohrwürmer in meinem Ich. Immer wenn Power von Nöten war, Aggressionen, Durchschlagkraft und der Wille, aktiv zu werden, da drang es empor.
Selbsterklärend also, dass ich mich auf den Weg in den Westen Stuttgarts mache, als diese fabulösen Traumfrauen ein Happening in einer der Locations mit vehement gutem Booking veranschlagen.

Es ist 21:00 Uhr und auf der Bühne nehmen zwei Gestalten ihren Platz ein. Die eine ist vermummt mit einer rosafarbenen Skimaske und einem Longsleeve, das den Namen des Duos offenbart: Fever Dream. Sie positioniert sich hinter den Synthies, Laptop on top. An der Stelle, die man sonst das "dritte Auge" nennt, prangt ein prächtiges Einhorn. Die Frontfrau und Vokalistin mit den langen braunen Locken, der Brille und der Lackhose nimmt ihren Fleck am Mikro ein. Was fortan geschieht, lässt sich ganz gut als Genremix aus Trap, Rap und HipHop bezeichnen. Beide verbreiten sie die langsamen und getragenen Beats über ihre Körperbewegungen. Schwoofen würde ich das gerne bezeichnen. Wie sich herausstellt, ist die schlanke Frau am Instrument eine der Main Acts, aber pssst... Außerdem erfahre ich, dass die für mich unverständliche und herrlich klingende Sprache der Sprechsängerin isländisch ist und auf meinem obigen Lieblingssong eine tragende Rolle spielt.
Meine Begleitung und ich sind uns einig, dass wir an einem Abend noch nie so häufig das Wörtchen Btch vernommen haben. Btch. Für Aufmerksamkeit sorgt knapp vor Schluss außerdem die Präferenz der Frontfrau, doch lieber ohne Shirt zu performen und sich inmitten den Zuschauer*innen auf den Boden zu legen.

Der Applaus schlägt 22:00 Uhr und Dream Wife kapern das Schiff. An Stelle anderer Songs weiblicher Künstlerinnen während der Pause läuft nun "Murder on the Dancefloor" von Sophie Ellis-Bextor über die Boxen. Niemand hat vor, den Groove zu killen, Sophie! Im Gegenteil: Rakel Mjöll (Gesang), Bella Podpadec (Bass) und Alice Go (Gitarre) geben die Richtung des Abends vor und alle springen auf den Powerfrauen-Zug auf! Männlichen Support gibt es von Alex Paveley an den Drums.

"The land of Club Mate", wie die isländisch-britische Band Deutschland betitelt, kommt in den Genuss knackiger, fetziger, schriller, dreckig-rockiger Upbeat-Musik; Rakel's Eigenart, Gesang mehr wie arg betontes Sprechen klingen zu lassen, nimmt mich in Beschlag und klingt, als würde sie jeden Einzelnen im Raum direkt ansprechen.
Die Mädchenhaften Outfits der Künstlerinnen, die knalligen Lidschatten und Zöpfe, die Lolita-Attitüden reiben sich wundervoll an den feministischen Messages der Songs. "Somebody" hängt mir nicht zuletzt aufgrund des repetitiven Refrains noch lange nach: "I am not my body, I'm somebody!" heißt es da wieder und wieder und unterstreicht die Anmoderation, dass Geschlecht (gender) lediglich ein Konstrukt ist.

Am Ende der lauten und inspirierenden Stunden steht fest: diese Frauen wissen, wie man unterhält, musikalisch auf hohem Niveau, zwischenmenschlich authentisch und sympathisch. Wir bedanken uns bei Dream Wife und Fever Dream für einen grandiosen Abend!

Text:
Bettina Marquardt
Geschrieben am
19. November 2018
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