Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Get Well Soon mit Big Band im Theaterhaus

Alles andere als Horror.

Das Theaterhaus ist fast bis auf die letzten Reihen besetzt, als er pünktlich um 20 Uhr die Bühne betritt: der Kanadier Sam Vance-Law. Binnen Sekunden gewinnt er das Publikum für sich, ungeachtet der Tatsache, dass der Sound in den ersten paar Minuten nicht wirklich vielversprechend ist und eine Spur zu sehr scheppert. Seine Präsenz ist spürbar bis in die letzten Reihen. Und ein paar Dreher an den Reglern später ist dann auch der Sound, der Sam gerecht wird, da. Zu viel verspricht er nicht, als er sagt, er habe heute ein Best-Of mitgebracht. Authentisch und selbstbewusst liefert er ab und donnert dem Publikum Hits wie „Gayby“,„Prettyboy“ und „I think we should take it fast“ um die Ohren, bis die Sitzreihen mitwippen.

Die Lacher sind ihm mindestens genau so gewiss und es gelingt ihm selbst über ernste Themen eine Leichtigkeit zu legen. So zum Beispiel, wenn er seinen Song „Lets get married“ in „Lets get an eingetragene Partnerschaft“ umbenennt. Wie charmant kann man so ein sperriges Wort als Nicht-Muttersprachler bitte aussprechen? Viel zu schnell rast die Zeit davon und Vance-Law beschließt seinen Opener-Part mit einem wunderbaren Cover von „Eisbär“. Für die Daheimgebliebenen: Vance-Law hat kurz zuvor den Preis für Popkultur als hoffnungsvollster Newcomer erhalten und wollte damit zwinkerzwinker „dem Volk etwas zurückgeben“. Gropper hat schließlich gesagt, er dürfe alles machen, wenn er mit auf Tour geht. Und was liegt da näher, als ein solches Cover zu spielen. Der Applaus für Vance-Law jedenfalls lässt das Gefühl aufkommen, das Publikum wünsche sich den Sympathieträger länger auf die Bühne. Bald schon gibt es ein Wiedersehen.

Nach kurzem Break betreten Konstantin Gropper (wie immer in einem fantastisch sitzenden Anzug steckend), Vance-Law (nicht minder gut gekleidet) und die Big Band die Bühne. Langsam, dunkel, melancholisch ist der Einsatz und die ersten Stücke von „The Horror“ werden dargeboten. Großes kündigt sich auf leisen Sohlen an. Zwischendrin erzählt der Kopf von Get Well Soon, dass der Abend ein besonderer sei und verspricht „mehr Emotionen als beim Fußball“. Recht wird auch er behalten und so verwundert es nicht, dass es einem bei Songs wie „Future Ruins pt.2“ an der Stelle, in der gesungen wird „we need more of that glue, more of that glue, more of that glue“ warm und kalt zugleich wird. Groppers Orchesterpop ist nicht nur auf Platte, sondern auch live einfach groß. Emotional, ohne pathetisch zu sein. Es treibt einem Tränchen in die Augen, wenn die Zeile „you have been ready for a long time, turn weakness to power. Well, brother, it`s time“ gesungen wird. Gropper darf auch Gesten. Und Loafer ohne Socken tragen. Und über die Bühne stolpern. Auch wenn man in diesem Moment nicht weiß, ob er es ernst meint oder aus Euphorie über das Tourende schon etwas zu tief ins Whiskyglas geschaut hat. Und einen Typen in Joggingklamotte zum Song „Nightjogging“ auf der Stelle in einem Kiesbett laufen lassen.

Weiter geht es trotzdem selbstsicher in der „The Horror“ -Setlist und wir fühlen uns schon ganz beseelt, erklingen plötzlich auch alte Bekannte wie „Roland, I feel you“ oder „It`s love“ oder „You / Aurora / You / Seaside“. Und da sind sie wieder, die versprochenen Emotionen: Wehmut (weil man anhand alter Songs erst merkt, wie alt man selbst geworden ist), Freude (ob der lange nicht gehörten Songs) oder Ergriffenheit (weil einen die Songs immer noch so schön aufsaugen). Die Show, mitsamt Opener Vance-Law, ist so wunderbar rund und stimmig auf allen Ebenen, dass es schon beinahe unheimlich ist. Setting, Sound, Licht, Klamotte, ach! einfach alles ist so gut aufeinander abgestimmt. Wen wundern die Standing Ovations während und nach der Show da noch. Hätten Get Well Soon ein schöneres Tourende hinlegen können? Wohl kaum!

[Text: Nataša Knežević]

Text:
Gast
Geschrieben am
30. Oktober 2018
Get Well Soon Get Well Soon
Indie, singer-songwriter, german, alternative, indie folk