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Gisbert zu Knyphausen in den Wagenhallen Stuttgart
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Gisbert zu Knyphausen in den Wagenhallen Stuttgart

Nachdem Gisbert zu Knyphausen erst vor kurzem sein zweites Werk Hurra! Hurra! so nicht. auf der Bühne vorstellte, kommt er auch schon wieder mit seiner nächsten Tour am 10.11 nach Stuttgart zum ersten Mal in die Wagenhallen.

Ziemlich fertig sah sie aus. Der obere Lack mit spitzen Fingernägeln abgeschabt. Aus unedlem Holz gefertigt und aus dem Proberaum auf die Bühne geschleift um sie dem warteten Publikum zu präsentieren. Die ersten Sekunden einer Begegnung, sagt man, sind die wichtigsten. Diese fallen in unserem Fall nicht positiv aus. Fast schon verstört blickt man auf die gebranntmarkte Gitarre von Gisbert zu Knyphausen, der am 10. November in den Wagenhallen zum Lieder hören einlud. Musik ist scheiße stand da in dicken Lettern auf eben dieser.

Nun wie paradox es ist, sich solch ein Statement auf sein Musikinstrument zu pflastern liegt auf der Hand. Wie als würde man auf sein Auto Bewegung ist kacke oder auf sein Fußball Sport ist Mord schreiben. So ist es doch umso erstaunlicher, dass wen man genauer hinsah an der rechten oberen Seite seiner Gitarre einen Klebeabdruck eines vergangenen Stickers erkennen konnte. Was sollte dem Publikum da nicht präsentiert werden? Was kann absurder sein, als Musik ist scheiße auf seine Gitarre zu kleben. Wir werden sehen und verstehen.

Ohne Begrüßung oder vieler unnötiger Worte fing Gisbert zu Knyphausen an und brauchte diese selbstverständlich auch nicht. Ohne für die Bühne geboren worden zu sein, strahlt seine Musik eine Präsenz aus die selbst die Wagenhallen ruhig stellt. Denn nicht selten stellt man fest, dass gerade bei ruhigerer Musik, die Wagenhallen einen großen Geräuschpegel aus dem Publikum entwickeln. Doch dieser bleibt aus und die gespannt Stehenden wagen sich bei dem ersten Titel noch nicht einmal mitzusingen. Was sich im Laufe des Konzerts leider ändert und sich viele animiert fühlen, die mit Hingabe präsentierten Lieder, stumpf mitzugrölen. Daheim, unter Dusche, ja bitte. Bei geselliger Runde mit der Akustischen, meinetwegen. Bei Gisbert auf einem Konzert, auf keinen Fall. Manche verstehen nicht, dass man hier nicht auf einem Pur-Konzert oder bei Wetten Dass...? ist. Man möchte im zuhören, zum Teil zwischen den Zeilen lesen und darüber nachdenken, zustimmen und ihm dann zwischen den Liedern zujubeln.

So gerade und schnörkellos sich seine Sprache bei seinen Songs gibt, so sind die wenig vorhandenen Momente bei dem er mit seinem Publikum spricht eher holprig. Er ist eben keine Rampensau und sagt selber, dass seine Konzerte nicht die besten sind. Doch wer will denn schon einen hüpfenden und albernden Gisbert sehen? Zeichnet sich ein gutes Konzert durch die Pause zwischen den Liedern aus? Dann ist Musik wirklich scheiße, und das weiß er auch, der Gisbert. So geht es ihm nicht um Blödelei, was bei deutschen Liedermachern zum Teil recht unterhaltsam sein kann, sondern um die eigentliche Sache. Seine Band ist dabei Untermalung. Sie würzt an richtigen Stellen die vorhandene Grundstimmung nach und so hört man auch mal einen schreienden Gisbert und rockige Mitstreiter. Doch das sind nur kleine Abwechslungen, die nicht ablenken wollen von den wahren Highlights wie Melancholie oder Kräne.

Da steht er dann alleine auf der Bühne. Wieder mit seiner alten Klampfe aus früheren Tagen. Diese hat sicherlich schon einiges gesehn und gehört. Vorbeigehende Passanten, verrauchte Keller, Liederwünsche aus der ersten Reihe. Letzteres grinst er einfach weg, dreht sich um und stimmt das Lied an, dass an dieser Stelle vorgesehen war. Dann geht uns ein Licht auf und wir wissen was bei diesem symphatischen Kerl auf der alten Gitarre einmal stand und wir nicht sehen durften:

Entertainment ist alles.

Text:
Markus Bur am Orde
Geschrieben am
29. Oktober 2010
Gisbert zu Knyphausen Gisbert zu Knyphausen
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