Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Hello Pop! Festival 2015 – von Club zu Halle zu Club

Wissend, dass auf das Booking-Händchen Verlass ist, starten wir am frühen Samstagabend noch mit Vorfreude in die Hello Pop! Nacht Im Wizemann. Tja, Vorfreude ist nun bekanntlich manchmal die schönste Freude.

Mit einer kleinen Programmänderung, weil es Olympique heute leider nicht nach Stuttgart schaffen, beginnt der Konzertabend – wenn auch immer noch früh – eine halbe Stunde später.

MISSINCAT (Club): Als kein großer Fan von weiblicher Singer-Songwriter Musik, bin ich positiv überrascht und in Windeseile überzeugt von der bezaubernd zauberhaften Singer-Songwriterin und Multiinstrumentalistin. Von Schlagzeug, Keyboard und Bassgitarre begleitet, nimmt uns ihre zarte Stimme und mädchenhafte Erscheinung mühelos ein. Ihr letztes Lied kommt in ihrer Muttersprache Italienisch daher und ist noch etwas charmanter als die vorigen.

SARA HARTMAN (Halle): Der wohl schönste Lockenkopf am heutigen Abend schafft es mit ihrem Gesang und ihrer Gitarre zu überzeugen. Fast gehaucht und dennoch kraftvoll erfüllt ihre bisher unbekannte, klare Stimme die Halle. Das Jamie XX-Cover „Stranger In A Room“ gefällt gut und ist dem Original würdig. Live immer wieder.

STILL PARADE (Club): Ziemlich unscheinbar wirken die drei Jungs von Still Parade wie von nebenan – der Sound hingegen ist nicht ganz so unscheinbar, auch wenn er in der Halle heute irgendwie nicht so ganz durch wabern will. Leider fehlt es sowohl an Menschen als auch an Atmosphäre im Club, als dass die atmosphärisch-psychedelischen Synthie-Klänge widerhallen und uns zum Träumen bringen könnten.

THE OVERDRESSED MONKEYS (Halle): Die Stuttgarter Band bringt etwas Showbiz der Welt nach Hause. Der Heimvorteil ist unverkennbar, die treue Fangemeinde füllt immerhin den vorderen Teil der großen Halle und Feuerzeuge bringen diesen zum Leuchten. Aber auch ohne Stuttgart-Bonus können sie sich mit ihrem elektronisch-souligem Afro-Pop, der an Größen wie Bloc Party erinnert, sehen lassen. Overdressed? Nicht im geringsten!

VON WEGEN LISBETH (Club): Die Band der heutigen Herzen. Nie waren Adidas-Trainingshosen zusammen mit Hawaii-Hemden sexier und Lieder über Penny tanzbarer. Mit ihren ironischen, den Zeitgeist treffenden Texten, ihrer sprühenden Energie und den Grübchen im Gesicht gewinnen sie die Herzen aller. Hinreißend, mitreißend, wundervoll. Punkt.

PHILIPP DITTBERNER (Halle): Kurz hat er uns auf Wolke 4 befördert, aber höher hinaus auch nicht. Veträumter Deutsch-Pop, wie er im Bilderbuche steht, doch vielleicht etwas zu heimelig für die große Halle.

SEA MOYA (Club): Für das experimentelle Gemisch aus Afrobeat, Funk, Indie, Krautrock und psychedelischen Popklängen lässt die Energie gerade leider nicht genügend Reserven übrig. Wo ist die Stimmung hin? Sie hängt vermutlich bei allen, wie unsere Mägen auch, tief in den Kniekehlen. Zum Glück sind Sea Moya ja brandneu und es kommen sicher noch weitere Gelegenheiten ihren verwirbelten Beats zu lauschen.

ASBJØRN (Halle): Oh ja, Aufmerksamkeit weiß er auf sich zu ziehen, ob positiv, darüber lässt sich streiten. Als sonderbare Version von Aaron Carter im Schlafi-Outfit liefert der junge Däne passend zu seinen experimentellen, handgemachten Elektronika-Sounds die expressionistischste Bühnenperformance und tanzt ausschweifend – mit sich selbst. So ganz ernst nehmen wollen ihn die Stuttgarter heute nicht und verlassen nach und nach die Halle. Vielleicht auch um Le Very nicht zu verpassen.

LE VERY (Club): Jetzt ist auch klar, was mit Kitsch-Overload gemeint ist. Le Very liefern zum Abschluss eine Bühnenshow, die weder an Tänzerinnen in knappen Hotpants noch an kunstvollen Performances mit wirbelnden Leuchtstoffen spart. Für mich braucht es dieses Mehr nicht, sind sie klanglich doch mindestens so gut wie auf Platte – und da sind sie schließlich ganz groß. Wäre ich von den Hotties im Vordergrund nicht so abgelenkt gewesen, hätte ich vielleicht gesagt, sie sind sogar besser. Für einen kurzen Augenblick besteht dann doch noch die Chance, dass die Stimmung ausbricht in bisher unberührte Hochebenen, als Le Very das Publikum auffordert, mit Ihnen auf der Bühne zu feiern – ausgelassen und hingerissen vom Moment, was der Konzertabend gerade dringend gebraucht hätte – doch die Security macht dieser Hoffnung ein jähes Ende.

So hoppen wir den ganzen Abend von Saal zu Club, von Club zu Saal, von Saal zu... immer weiter im Wechsel mit gelegentlichen Zwischenstopps an der Bar, um uns mit Getränken und zumindest Schokoriegeln bei Laune zu halten. Dieses Hin und Her ist schon ganz schön ermüdend.
Das Laufpublikum, das sonst beim Popnotpop unterwegs war, fehlt heute Abend, wodurch die Räume zu weitläufig und wir vor den großen Bühnen manchmal etwas verloren wirken. Wo sind die anderen 1500 geplanten Besucher? Wohl zusammen mit den ebenfalls geplanten Häppchen auf der Strecke geblieben.
Nach dem letzten Auftritt von Le Very leeren sich die eh schon überschaubaren Räume plötzlich schlagartig. Entweder treibt der Hunger oder die Enttäuschung alle so schnell zurück in die Innenstadt und zur nächsten Dönerbude. Für alle, die ihre Energien wieder aufladen können, warten die Aftershowpartys im FREUND & KUPFERSTECHER und ZWÖLFZEHN, um noch bis in die Morgenstunden weiter zu feiern.

Das Hello Pop! Festival vermag es nicht das Popnotpop zu ersetzen, aber es kann, sofern es aus seinen Debüt-Fehlern lernt, zu einem würdigen Vertreter werden. Als zartes Pflänzchen 2015 erblüht, muss es nun noch wachsen und gedeihen. Wir sagen trotzdem Hallo und herzlich willkommen Hello Pop! Schön, dass du da bist. Bis im nächsten Jahr, hoffentlich dann in deiner vollen Pracht!

Text:
Jelka Ottens
Geschrieben am
09. November 2015
Asbjörn
Sara hartman
The Overdressed Monkeys
Philipp Dittberner Philipp Dittberner
electronic, Radio, german, male vocalists, listened but not scrobbled
Olympique Olympique
seen live, all, electronic, pop, rock
Missincat Missincat
singer-songwriter, acoustic, female vocalists, female, berlin
Still Parade Still Parade
Indie, singer-songwriter, indie pop, country, german
Von Wegen Lisbeth Von Wegen Lisbeth
Indie, vonwegenlisbeth, seen live, alternative, favorites
Sea Moya Sea Moya
Le Very Le Very
seen live