Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Idles in der Manufaktur

Liebe als Akt des Widerstands.

Auf das im Vorfeld ausverkaufte Konzert der Idles haben sich alle gefreut. Hoch, um nicht zu sagen unendlich hoch, lag dann auch die Messlatte. Doch bevor der Mainact loslegen konnte, standen LIFE auf der Bühne. Besonders sympathisch an der Band war nicht nur deren Einstellung zum Brexit („Fuck Brexit!“), sondern auch die weibliche Bassistin, die einfach ihr Ding gemacht hat. Trotz aller Bemühungen waren LIFE leider ein wenig beliebig. Da halfen auch die Johnny Rotten-esquen Moves des Sängers nicht viel. Den Idles stahlen sie die Show zumindest Mal nicht.

Den Idles an diesem Abend die Show zu stehlen, wäre ihnen sie sowieso nicht gelungen. Am Anfang ein wenig zögerlich, setzen die Herren dann zu „Colossus“ an und für eine kurzen Moment sieht es aus, als könnten die allzu hohen Erwartungen enttäuscht werden. Schnell wird klar, dass das nur ein langsames Einspielen war. Und schon beim zweiten Song „Never Fight a Man With A Perm“ kocht die Stimmung über. Dass die Idles in der breiteren Masse angekommen sind, wird schnell klar. Das Publikum singt textsicher und laut mit. Arme und Beine fliegen durch die Gegend und der Sänger, Joe Talbot, ermahnt die Konzertbesucher, aufeinander aufzupassen und respektvoll zu behandeln. Popularität hat bekanntermaßen nicht nur Vorteile und leider verirren sich dann auch Gestalten auf solche Shows, die den Sinn hinter der Musik nicht verstanden haben. (Ja und damit meine ich den betrunkenen und grapschendenden Typen im Idles-Shirt aus der ersten Reihe, der dachte, es sei eine schlaue Idee von der Absperrung aus über den zwei Meter breiten Graben zu springen und mit dem Gesicht in der Monitor Box zu landen, um dann zwei Minuten später blutend mit verbundener Birne eine Frau in der ersten Reihe wegzuhoolen, um wieder vorne zu stehen. Ich hoffe, Du hast heute noch Schmerzen!)

Talbots Ansagen sind, wie sollte es anders sein, politisch und ermahnend. Er zeigt dabei aber niemals mit dem Finger auf die Leute. Nicht einmal, als ein junger Mann im Publikum den Mittelfinger hebt. Ganz Gentleman und pädagogisch wertvoller Sozialarbeiter der er ist, holt er ihn auf die Bühne und überzeugt das Publikum, ihm mit Liebe zu begegnen. Talbot predigt nicht nur Liebe, sondern auch Vielfalt und das Publikum rastet bei „Danny Nedelko“ völlig aus. Der unfassbar sympathische Leadgitarrist Mark Bowen verlässt immer Mal wieder die Bühne und sucht die Nähe zum Publikum, singt Mariah Careys „All I want for Christmas is you“ oder holt Frauen aus dem Publikum auf die Bühne und hängt ihnen seine Gitarre um.

Die Idles treffen mit ihrer Musik einfach den Nerv der Zeit. Nicht nur der Brexit macht ihnen zu schaffen. Sie besingen Missstände wie den Rechtsruck der Gesellschaft („I`m Scum“), Süchte („Benzocaine“) und verquere Selbstbilder („Television“). Und so wunderbar und unvergesslich dieses Konzert auch war, muss ich dann doch eines monieren: Joe Talbot sagt von sich, er sei Feminist und singt in „Samaritans“ von toxischer Maskulinität. Warum hat er dann während des gesamten Konzerts nicht ein einziges Mal die vielen Frauen im Publikum angesprochen und nur seine „Mates“ und den Typen, dessen Gesicht mit der Monitor Box geknutscht hat? Vielleicht gibt er mir beim nächsten Konzert eine Antwort.

Text:
Nataša Knežević
Geschrieben am
19. April 2019