Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 
Ludovico Einaudi im Theaterhaus Stuttgart
bericht bilder
 
 

Ludovico Einaudi im Theaterhaus Stuttgart

Aus der Sonne kommend, gewöhnen sich die Augen langsam an das fahle Licht im Theaterhaus. Sie schweifen durch den beinahe ausverkauften T1-Saal und erspähen auf der blau beleuchteten Bühne den glänzenden Flügel, dem die Aufmerksamkeit des bunt gemischten, aber durchschnittlich doch etwas älteren Publikums an diesem Abend gelten wird. Die erste Ernüchterung: Der geheime Wunsch einer Streicherbegleitung bleibt also unerfüllt.

Pünktlich wird Ludovico Einaudi unter regem Beifall auf der Bühne begrüßt. Eine Verbeugung später sitzt er dort, wo er vermutlich den Großteil seines Lebens verbringt: vor dem Flügel. Die ersten Töne erklingen und wer mag, darf nun die Augen schließen.

Aufmerksam lauscht man den gefühlvoll angeschlagenen Klängen, die sich vorsichtig windend nach und nach zu Strukturen und Melodien zusammenfügen. Unweigerlich entstehen dabei die schönsten Bilder und Fantasien im Kopf. Wie macht dieser Mann das? Woher nimmt er die Kreativität und die Gewissheit für solche Kompositionen wie the snow prelude #15?

Es ist interessant, ihn beim Spielen zu beobachten. Wie er auf seinem Schemel sitzt, die Augen hinter der Brille fest zusammengekniffen, während die Hände in einer unglaublichen Selbstverständlichkeit über die Tasten hinwegfliegen. Sein Mund formt immer wieder Worthülsen, die seine erhabenen Melodien begleiten. Wo er wohl gerade ist? Jedenfalls nicht in diesem Raum. Auf Takt, Noten und Technik muss er sich scheinbar schon lange nicht mehr konzentrieren. Vielmehr verliert er sich inmitten seiner Musik, geht in ihr auf und vergisst die Welt um sich herum.

In den Pausen greift der sympathische Italiener zum Mikrofon und erzählt von den Inspirationsquellen seiner letzten beiden Alben Nightbook und Divenire. Er erklärt, wie er 2006 inmitten einer riesigen Installation des deutschen Malers und Bildhauers Anselm Kiefer spielte. Seine Klavierstücke verblassten jedoch gegenüber der Mächtigkeit, der bis zu zwanzig Meter hohen Turmskulpturen und brachten ihn so zu neuen musikalischen Ansätzen und Entwürfen. In der Folge beschäftigte er sich viel mit Psychoanalyse und Traumdeutung, woraus letztendlich Nightbook entstand. Eine Ode an die Nacht, das Träumen und vor allem das Unbekannte.

Durch seine Erklärungen werden die Stücke verändert aufgenommen. Er verleiht ihnen - wie bei den düster angeschlagenen Tönen von Lady Labyrinth, die wie das Grollen eines versteckten Monsters aus der Tiefe des geöffneten Flügels knurren - eine neue Dimension.

Für das 2007 erschienene Divenire übernahm die Gemälde-Trilogie Alpentriptichon von Giovanni Segantini die Musenfunktion. Drei Gemälde, die das Leben, die Natur und den Tod anhand der Alpen symbolisieren. Einaudi wollte mit Divenire ein Bindeglied für die einzelnen Bilder sein, Bewegung und Leben in die Momentaufnahmen bringen, sie verknüpfen. Auch den Arbeitsstil Segantinis übernahm er und übertrug ihn auf seine Kompositionsarbeit.

Es folgen die Publikumslieblinge Primavera und Divenire, die wie so viele Stücke an diesem Abend, bedingt durch das Fehlen eines Orchesters, eine viel schlichtere, beruhigende und reduzierte Stimmung ausstrahlen. Dies hat gleichzeitig einen ziemlichen Dynamikverlust zur Folge, die Musik wirkt weniger aufbrausend, nicht so intensiv und imposant, verliert aber glücklicherweise nicht an Emotionalität. Auch das Bühnenbild und die Beleuchtung werden das ganze Konzert über minimal und unverändert gehalten. Man kann sich aber sicher sein, dass das von Einaudi so beabsichtigt ist.

Die Frage, ob es mit orchestraler Begleitung besser gewesen wäre, wage ich nicht zu beantworten. Das sollte jeder selbst entscheiden. Die Publikumsresonanz scheint ihm zwar recht zu geben, allerdings wirken nicht alle vollkommen zufrieden. Der ältere Herr neben mir schaut nach dem zweiten Stehapplaus bereits zum siebten Mal auf seine Uhr, schnappt sich dann seine Frau und verlässt das Theaterhaus. Naja, man muss sich eben auf diese besondere, entspannte Atmosphäre einlassen können. Musikalisch vorwerfen kann man Ludovico Einaudi jedenfalls nichts. Nur das ständige Räuspern, Rascheln, Husten und Niesen im Saal kann fehlende Soundscapes und Percussion-Elemente leider nicht ersetzen. Das Konzert bleibt aber dennoch ein wunderbarer Ausklang eines schönen Frühlingstages und heißt die Nacht auf eine sehr angenehme Art willkommen.

Text:
Lukas Steimle
Geschrieben am
28. März 2011
Ludovico Einaudi Ludovico Einaudi
piano, classical, contemporary classical, instrumental, ambient