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Metronomy in den Wagenhallen
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Metronomy in den Wagenhallen

Am ersten Tag des Dezembers war es an der Zeit mit Vorurteilen aufzuräumen. Wie schön, dass einem Metronomy in den Wagenhallen helfen wollten.

Nicht der Letze, doch einer meiner letzten Berichte werde ich nun schreiben. Für eine lange Zeit und auch für dieses Jahr, dass sich ja ohnehin langsam dem Ende zuwendet. Und hiermit ist dann natürlich auch Zeit zu reflektieren und nicht immer alles war ganz großes Kino oder Konzert. Doch das der schlechteste Vorbericht meiner Pegelkarriere auf die wunderbaren Metronomy fällt und das ich Ihnen unglaublich Unrecht tat mit Sätzen wie: vielmehr kann man von Urlaub für die Ohren sprechen. Oder sie mit Adjektiven wie kühl und unheimlich zu titulieren und dies dann auch noch größtenteils von plattentest.de zu klauen ist in keiner Weise gerechtfertigt und muss behandelt werden. Somit beschäftigen wir uns bei diesem Konzertbericht mit Vorurteilen. Bei José Gonzales war davon schon einmal die Rede, doch ging es dabei um allgemeine und nicht um meine Vorurteile.

Vorurteil #1: Bei Metronomy Konzerten wird nicht getanzt: Gut, stimmt zum Teil, wenn man sich die hinteren Reihen anschaut, allerdings hatte ich Clubzustände in den Vorderen nicht erwartet. Gerade die beiden ersten Alben gingen mit einer Wucht in die Beine, dass man sich wundert, wie ein derart ruhiges und in sich stimmiges Drittwerk zustanden kommen konnte.

Vorurteil #2: Metronomy verstecken sich hinter ihren Instrumenten: Ich hatte mir einige Videos zuvor angeschaut und Schaufensterpuppen hätten sich mehr bewegt. Doch in den Wagenhallen war vor allem der Bassist mit einer Energie ausgestattet, die er unmöglich die ganze Tour aushalten wird. Hüpfend, Bass schwingend und Küsse in die Menge gebend, wurde er von der ersten Sekunde an zum Hallenliebling.

Vorurteil #3: Singen und Schlagzeug spielen funktioniert nicht: Gut, spätestens mit Blood Red Shoes wäre dieses Argument auch gegessen. Dann sollte man vielleicht dazu fügen: Singen, Schlagzeug spielen und relaxt sein funktioniert nicht. Doch genau dies wurde mit einem Selbstverständnis von der weiblichen Rhythmussektion vorgetragen, dass man sich nur noch Frauen an den Drums wünscht. Normalerweise wird mit einer testosterongetränkten Urgewalt auf die Felle eingeschlagen, doch bei Metronomy hat das Schlagezeug die beruhigendste Rolle und darin steckt auch ein großer Teil ihrer Coolness und ihres Erfolgs.

Vorurteil #4: Kennt man ein Album kennt man alle: Das ist natürlich Schwachsinn. Und doch dachte ich, so anders werden die beiden vorigen Alben auch nicht sein. Was dann passierte geschieht leider viel zu selten bei Konzerten, auch weil die Qualität all zu oft eine wichtige Rolle spielt. Das Warten auf die Lieder die man kennt verabschiedet sich immer weiter aus dem Bewusstsein, bis es einem völlig egal ist welches als nächstes vorgetragen wird, da man ohnehin von den Vorgängern weiß, dass es brillant werden muss. Wie gesagt, dass passiert leider, leider viel zu selten.

Vorurteil #5: Die bekanntesten Lieder kommen am Ende: Als dann in der Mitte des Sets nach The Bay plötzlich The Look auftauchte, war ich derart überrascht und dachte mir schon insgeheim, dass dies aber ein sehr kurzes Konzert werden würde. Doch Metronomy spielen in einer so hohen Liga, dass sie diese beiden Indie-Schwergewichte auch sofort am Anfang hätten spielen können.

Vorurteil #6: Metronomy-Songs funktionieren nur auf Platte: Gerade bei dem dritten Album dachte ich mir, dass sie mit einem gemütlichen Tee in der Hand auf dem Sofa, oder nach einer langen Nacht auf dem Nachhauseweg im Nebel am schnellsten durch das Ohr gelangen. Doch spätestens als Corinne und Love Underlined sich live von der Hängematte in einen Pogostick verwandeln und dann auch noch Anna Prior an den Drums (vgl. Vorurteil #3) anfängt zu singen ist es um die meisten geschehen. Eine solche Verwandlung des eigentlich völlig gleichen Lieds ist mir selten untergekommen und zeigt auf wie vielen Ebenen Metronomy funktionieren.

Vorurteil #7: Der Schocken wird sicher nicht zu voll sein, dass kennen zu wenig in Stuttgart: Mit großen Augen stand ich vor den ausverkauften Wagenhallen.

Vorurteil #8: Gehypten Bands sollte man nicht noch mehr Aufmerksamkeit schenken: Nun gut, ab und zu hat der NME ja auch Recht und The English Riviera wird mit Sicherheit einen der oberen Plätze der Jahrescharts ergattern können. Nur, völlig zu Recht. Es gab wohl keinen einzigen Wagenhallenbesucher, der nicht als Fan, wenn er es denn nicht schon war, die selbigen wieder verlassen hätte.

Vorurteil #9: Das SEMF wird das Highlight der Woche: Es muss schon einiges geschehen am Samstag.

Vorurteil #10: In den Wagenhallen sind Konzerte nicht gut aufgehoben: Nach nicht nur positiven Erlebnissen mit CocoRosie, Gisbert und Bonaparte muss ich auch dies revidieren und es ist erstaunlich, dass gerade Metronomy die Wagenhallen in ein rechtes Licht rücken

Tatsächlich könnte ich noch ewig so weiter machen und dies zeigt nicht nur wie lausig sich Kulturpegelredakteure auf Konzerte vorbereiten, sondern auch mit welcher Popsensation man es zu tun hatte und wie wandlungsfähig sich Metronomy präsentierten. Mit diesem eingeschlagenen Weg könnten sie es noch in viel größere Hallen schaffen. Sicher. Ganz sicher.

Text:
Markus Bur am Orde
Geschrieben am
26. November 2011
Metronomy Metronomy
electronic, new rave, experimental, electro, glitch