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Mogwai im Huxleys Berlin
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Mogwai im Huxleys Berlin

Mogwai sind Rockstars. Soviel scheint nunmehr klar zu sein. Nicht nur, dass sie Huxley's Neue Welt, mit einem Fassungsvermögen von gut 1600 Menschen eine von Berlins größeren Venues, trotz eines nicht eben billigen Kartenpreises komplett ausverkaufen

Sie können es sich auch leisten, ihre Fans nach der kurzen, buchstäblichen Aufwärmberieselung des Supportkünstlers RM Hubbert über eine halbe Stunde in der stickigen Halle warten zu lassen. Die Traumtänzermusik der fünf Schotten ist endgültig salonfähig geworden, aber sie zündet auch in großen Räumen gewaltig.

Mogwai mögen Ironie. Legendär: Ende der Neunziger spielten sie auf einem Festival als Headliner parallel zu Blur. Anlass genug, ihren Fans T-Shirts mit dem Aufdruck „Blur: are shite“ anzubieten.

Während viele Post-Rockbands ihre Werke gerne mit allerlei artsy Konzepthascherei umbasteln, um das fehlende Wort in ihrer Musik mit der Illusion mystischer Tiefe zu ersetzen, machen sich Mogwai einen Spaß daraus, ihre Stücke auf Nonsenstitel wie You're Lionel Richie oder The Sun Smells Too Loud zu taufen. Bei ihrem gestrigen Auftritt kam ich ebenfalls nicht umhin, zwischen den Tönen kleine Schelmereien zu vermuten. Analog zur angesprochenen mystischen Stilisierung gehören in dieser Szene mehr oder minder vielsagende Bildprojektionen zum Einmaleins der Bühnenshow. Als Mogwai aber nun, statt wie üblich das tosende Crescendogewitter mit Naturwundern oder schwarzweißen Fabrikruinen zu untermalen, einen billigen Handkamerafilm zeigten, in dem in der schottischen Hochebene einem Radfahrer im überlangen Regencape hinterher gejagt wurde, musste ich mich schon fragen: Meinen die das jetzt ernst? Gleiches am Ende, als das Publikum fünf Minuten lang mit dem Abschlussdrone allein gelassen wurde. Dieser war erstens nicht der Rede Wert und passte nach der erneut langen Zugabenwarterei nicht mehr in den Fluss. Er war obligatorisch wie Gitarrensoli auf Hardrockkonzerten. Augenzwinkernder Post-Rock'n'Roll.

Mogwai sind geil. Trotz der leichten Irritationen war das ein verdammt starker Auftritt. Wie gewohnt zutiefst professionell, aber eindringlich und vor allem musikalisch präsent wie kaum eine zweite Post-Rockkapelle. Der Opener White Noise, gleichsam der erste Song der neuen Platte Hardcore Will Never Die But You Will, ist der jüngste Spross der seit vielen Jahren perfektionierten leiselautleiseLAUTOMGGEIL-Formel glänzte als erster Atemräuber. Was folgte, war das Wechselspiel zwischen leichtfüßiger Schönheit der Sorte I'm Jim Morrison, I'm Dead und groovender Krachnummern wie We're No Here, das für ihre letzten drei Alben prägend war. Der Gassenhauer Hunted By A Freak durfte natürlich ebenso wenig fehlen wie der Großvater aller Post-Rock-Epen Mogwai Fear Satan, das live vorgetragen noch immer so umwerfend gut kommt, als seien die Gitarrensaiten aus Samenfäden gesponnen. Oder so. Zum Abschluss gab es mit Mexican Grand Prix den ersten Mogwai-Song mit beinahe echtem Gesang. Ein Blick in die Zukunft? Ich hoffe nicht. Insgeheim wünsche ich mir aber, dass sich beim nächsten Mal inmitten der Intonation von Hunted By A Freak der Vocoder verabschiedet.

Text:
Joscha Kollascheck
Geschrieben am
21. März 2011
Mogwai Mogwai
post-rock, instrumental, Indie, alternative, post rock