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Parov Stelar im LKA
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Parov Stelar im LKA

Elektroswing. Das ist das musikalische Unwort des Jahres 2012. Bin ich nur bedingt in der Lage dies zu entscheiden, so habe ich zumindest Recht.

Am 15ten Februar sieht sich Parov Stelar genötigt seine Tour 2013 im LKA zu beginnen. Oft wird dem Stuttgarter Publikum nachgesagt, Spaßbremsen zu sein, dass sie sich nicht auf die Musik einlassen und um Gottes Willen auf keinen Fall die Beine rhythmisch im Takt bewegen dürfen. Beine sind zum stehen da, nicht zum Wackeln. Dafür mag ich meine schwäbischen Mitmenschen sehr. Um die sinnlose Debatte der nord-süddeutschen, arm-reichen Menschen weiter zu befeuern, sage ich, dass in Berlin Bands mehr abgefeiert werden, sie danach aber fallen gelassen werden wie heiße Kartoffeln. Diese hinterlassen immerhin noch Brandblasen auf der ungeschützten Haut. Bands nichts mehr, vielleicht eine synaptische Kurzschlussreaktion, die bis zum nächsten Kulturabend anhält. Doch ist dies auch zu verstehen, wenn an jedem Abend der heißeste Scheiß um die Ecke spielt.

In Stuttgart hingegen, sind die Konzerte voll und leise. Zum einen weil die Auswahl bescheidener ausfällt und zum anderen weil man zuerst mal schauen muss was dieser da oben überhaupt macht und ob er es verdient von jedem einzelnen 30 Euro mit nach Hause zu nehmen. Und das ist doch gut so. Daran erkennen wir doch, dass wir es ernst nehmen wer da auf der Bühne steht. Für die Bands selber mag dies zunächst befremdlich wirken, da durch die mediale Vorablobhuldigung das Gehirn meist so voll mit Superlativen ist, dass kein Platz mehr für eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigentlichen erlebten stattfindet. Das Konzert war schon vorher geil. Die Frontfrau war schon vorher heiß. Die Beats waren schon vorher brutal tanzbar.

Deswegen fand ich es äußerst befremdlich als an diesem einen Freitagabend Parov Stelar im LKA war und ausgelassene Stimmung schon VOR dem Konzert herrschte. Leute waren gekleidet als entsprängen sie einer Zeitmaschine die sie in die Neuzeit katapultiert hatte. Bei Metal schwarz, bei Punk kariert, bei Rockabilly gepunktet und beim Parov mit Hosenträger und Fliege. Diese gut gekleideten Leute feierten schon mit dem DJ, der als Vorband Stellung nahm. Sie tanzten und rissen die Arme in die Höhe, sie rauchten und tranken Schnaps. Sie waren völlig verrückt. Einen DJ als Vorband find ich eine sehr gute Idee, wenn es in der Musik um tanzen geht.

Dann begann die große Elektroswing-Sause. Parov Stelar machte es ich auf seiner DJ – Kanzel gemütlich und ließ seine Schergen rumspringen. Ein Saxophonist mit unglaublicher Lungenausdauer. Ein Trompeter mit derselben Fähigkeit und eine Sängerin, die es sich rekelnd und lachend auf der Bühne gemütlich macht. Dabei ist sie immer sehr gut gelaunt und ihre großen weißen Zähne scheint sie den ganzen Abend zeigen zu wollen. Ich muss unweigerlich an Messehostessen denken und wollte dies zuerst nicht schreiben, da es sich in die falsche Richtung entwickeln könnte, doch beim genaueren Überlegen ist sie genau das. Parov Stelar ist keine Band, sonst würde das Kollektiv ja auch nicht so heißen. Parov Stelar ist Parov Stelar und dieser steht hinter seinen beiden portablen Computern mit den Äpfeln drauf. Dies erkennt man am deutlichsten als alle gehen und nur noch eher auf der Bühne steht. Der Saal wird dunkel und zusammen mit der tanzenden Meute wird aus 20er Jahre Motto-Show eine Hommage an Daft Punk und Justice. Danach kommt der 20er Jahre Zirkus wieder zurück.

Und was machen die Leute? Sie tanzen im Viereck. Oder auch schräg, von mir aus auch auf den Schultern, aber auf jeden Fall ausgelassen und mit einer Ausdauer die ich selten erlebt habe, da Parov mittlerweile mit einer Auswahl an Hits aufwarten kann, dass man nach jedem Stück dachte das Konzert kann nun nicht mehr besser werden. Doch es wurde besser und mehr Bläserrhythmen und mehr lachende Frauenstimmung.

Doch wo ist der Stuttgart Zweifel hin? Habt ihr nicht gemerkt, dass das alles nur Show ist? Dass Parov Stelar eigentlich Österreicher ist und Marcus Füreder heißt? Hat der Marcus wirklich eure 30 Euro verdient? Das konntet ihr VOR der Show doch noch gar nicht gewusst haben. Diese ausgelassene Stimmung auf der Bühne? War Sie nicht nur da um euch das Geld aus den Taschen zu ziehen?

Ich will euch wieder mehr nachdenklich sehen!

Hoffentlich ist bald wieder ein Konzert von Dillon in Stuttgart.

Text:
Markus Bur am Orde
Geschrieben am
19. Januar 2013
Parov Stelar Parov Stelar
nu-jazz, downtempo, electronic, lounge, jazz