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Twin Shadow im Feierwerk München
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Twin Shadow im Feierwerk München

“You're my favourite daydream / I'm your famous nightmare / Everything I see looks like gold / Everything I touch goes cold” Inwieweit diese Liedzeile der Wahrheit entspricht, die über die Lippen des New Yorkers gekommen ist, und war danach wirklich alles kalt geworden, bei dem Konzert am 11ten Februar im Münchner Feierwerk ?

Man kennt das natürlich. Nach Konzerten hat man diese Euphorie. Es war mit Abstand das beste Konzert, welches man jemals erlebt hat. Und ich bin jetzt selbstverständlich größter Fan dieser außergewöhnlichen Band. Diese Emotionen sprühen dann über und man spricht in eine Mittags-Magazin Fernsehkamera: „Oh der Robbie war so süߓ oder „Wie die Lady Gaga aus dem Ei geklettert ist, war das Beste was ich je gesehen hab. Das ist die beste Musik die es gibt“…und so weiter und so fort. Solche Töne gibt es hier auf dem Kulturpegel natürlich nicht. Wir sind rational denkende Kopfkinder und wollen nichts in den Himmel loben, was uns in 2 Jahren peinlich wäre. Natürlich soll gute Musik angemessen beschrieben werden, aber immer in einer sachlichen Position. Was aber, wenn nach 3 Tagen Setzungsphase, das Konzert das Denkvermögen blockiert und immer noch in einer Realität im Kopf herum schwirrt, als wäre man nicht knapp 200km vom Veranstaltungsort entfernt, sondern die Besitzer des Feierwerks überlegen sich schon wie man den Fan, der in seinem Kopfkino lebt, endlich von der Tanzfläche wegbekommen soll?

Vielleicht sind dann Lobeshymnen angebracht. Vielleicht ist es dann doch mal an der Zeit, diese beschissene Sachlichkeit wegzuschmeißen und das Herz sprechen lassen. Ob mich George Lewis Jr von Twin Shadow kalt gelassen hat? Wie den bitteschön nach so einem Konzert?

Ohne Vorband wurde direkt angefangen. Es könnte gut möglich sein, dass die Plattenfirma einige Anfragen gesendet hat, aber nur negative Resonanz erhielt, weil man nicht von einem Tyrann gefressen werden will, der nach einem spielt. Tyrant destroyed war das erste Stück, das von der 4-köpfigen Band in die Menge getragen wurde. Man kann tatsächlich von Menge sprechen, da das Feierwerk erfreulicherweise fast komplett gefüllt war. Auch sehr schön, dass das eigentliche Soloprojekt Twin Shadow auf der Bühne zum 4-köpfigen Tyrann heranwächst. Das dieser zerstört ist, wird zwar im Lied besungen, aber davon bekommt man als erstmaliger Hörer nichts mit. Ich kenn kaum eine Platte oder eben auch ein Konzertanfang der so wahnsinnig sperrig und abstoßend daherkommt wie Tyrant destroyed. Doch wenn man die 20 Durchläufe hinter sich hat, die dieses Lied auf jeden Fall braucht steht dort kein Tyrann mehr. Die Bandmitglieder sind auf der Bühne und machen daraus ein Erlebnis. Der mit stattlicher Mähne ausgerüstete Drummer leitet die ruhige Nummer ein und man fühlt sich direkt wohl im Bauch des Monsters. Das Keyboard würgt eine vertrackte Melodie heraus und die sich dahinter befindliche, einzige weibliche Mitstreiterin lässt ihre Finger, gebückt und in einem Trance ähnlichen Zustand, über die Tasten gleiten. Ein wenig Licht in die Sache kommt erst durch den singenden Lockenkopf George Lewis Jr, der seiner Stimme live mehr Lautstärke zumutet als auf der Platte. Ebenfalls sehr laut herausstechend sind die gezupften Meisterwerke des Bassisten und man erkennt die enorme Wichtigkeit des Instruments, vor allem bei dem auslaufenden When we were dancing.

Ob es Konzentration, Aufregung oder doch etwas anderes war; die Augenlieder wollten am Anfang des Sets nicht so richtig aufgehen bei den Protagonisten. Vielmehr wurde dem ersten Song fast andächtig gehuldigt, der auch beim Publikum große Begeisterung fand. Und so gingen sie dann mehr und mehr auf; die Augen der Vier. Als ob das Klatschen, Pfeifen und Zurufen einen weckenden Mechansimus in den Lidern auslöste. Stellvertretend für jedes Stück, kann somit das Erste betrachtet werden. Von der Bühne kommt ein solch stilles Musikfeuerwerk, dass die entgegengebrachte Euphorie die Band weiter aufputscht und in neue Großtaten leitet. So verwundert es George Lewis Jr, dass zu seiner Musik getanzt wird, er es aber sichtlich genießt. Und vielleicht gerät dann auch durch den Impuls des Publikums, At my Heels zur Franz Ferdinand Tanznummer. Eine tanzende Masse hat er ebenso erwartet wie ich. Doch unter dieser gegenseitig anstachelnden Situation passt das schwingende Tanzbein. Nichts Anderes würde mehr Sinn ergeben. Und so steigern wir uns hoch bis in das unvergessliche Forget. Ein grandioser Abschluss von Twin Shadow. Jeder weiß, dass sich nicht mehr Lieder auf dem Debütalbum befinden und dass, wenn die Hintergrundmusik anfängt und das Licht angeht, das Konzert eigentlich aus ist. Doch keiner geht. Alle klatschen und schreien und keiner verfällt in das dämliche Zugabe rufen, weil die Begeisterung echt ist und man in mehr Musik eintauchen will. Und tatsächlich kommen sie nochmal auf die Bühne zurück und lassen verlauten, dass dies keinesfalls selbstverständlich ist. Unter diesen Umständen kann man es ihnen glauben und lauscht nochmals genüsslich der David Bowie Nummer die vorgetragen wird. Dabei ist die Band ein totaler Kontrast zu der ersten Nummer und sieht nun fast aus wie eine Schulband bei ihrem ersten großen Auftritt.

Beim Herausgehen wird dann jeder Besucher einzeln verabschiedet und man kann den Dank und das Adrenalin immer noch in den Augen sehen. „Everything I touch goes cold“; nach diesem Konzert kann keine Songzeile widersprüchlicher sein.

Text:
Markus Bur am Orde
Geschrieben am
29. Januar 2011
Twin Shadow Twin Shadow
electronic, dream pop, new wave, lo-fi, electropop