Aftermath
 

Aftermath von Hundreds

Genre: electronic, electronica, Indie, ambient, german

 
  1. Aftermath
  2. Circus
  3. Ten Headed Beast
  4. Separate the Sea
  5. Our Past
  6. Foam Born
  7. Interplanetary
  8. Rabbits on the Roof
  9. Down My Spine
  10. Beehive
  11. Please Rewind
  12. Stones
 
 

Das hört sich hier geschrieben nach der verzweifelten Suche nach Besonderheiten an. Das Gegenteil ist der Fall. Erwartet man Großes, bekommt man es im Kleinen.

Langsam plätschert der Bach sein gewohntes Bett entlang und unter dem Apfelbaum, umgeben von der saftigsten grünen Wiese, wird der Tag der eigentlich aus Stunden besteht zur Erinnerung für spätere Stunden. Wenn Musik zu solchen Gedankenspielen fähig ist, hat man entweder eine schlechte Phantasie oder ein unwirklich gutes Album entdeckt.
Kaum ein Album hat mich so nachhaltig beindruckt wie der Erstling der beiden Hamburger. Und es ist schon eine große Leistung vom erstmaligen gleichgültigen Höreindruck in die Unverzichtbarkeit zu gelangen. Wie zu späte Silvesterraketen in der Neujahrsnacht kommen plötzlich bunte Explosionen ins Ohr, die vorher schon zu Hauf gehört, aber niemals richtig wahrgenommen wurden. Sind in guten Alben diese Momente in einzelnen Stücken gesät so besteht Hundreds ausschließlich aus solchen. Ich könnte endlose Lieblingsstellen aufzählen (beispielsweise das Einatmen am Anfang des Stückes Wait for my raccoon) und so ist es selbstverständlich ein Schweres diesem Mikrokosmos an Zeitlosigkeit einen würdigen Nachfolger zu liefern. In Kürze: Sie haben es geschafft. Wie und warum ist im Endeffekt egal, hier geht es um die Musik.

Aftermath beginnt mit dem Stück Aftermath. Ein Lied, das man Bekannten zeigt, wenn man Hundreds in Kürze vorstellen und nichts dazu sagen will. Alles ist plötzlich wieder da, die Lautstärkenverschiebungen, der beruhigende Anfang, die einsetzende Melodie, die man erst wieder viel zu spät wahrnimmt, das monumentale Ende. Hätten Hundreds dieses Lied vor Woodkids Senkrechtstart herausgebracht, es hätte ihn nie gegeben. Zu groß wäre die Atmosphären-Hürde gewesen, wobei Hundreds diese nicht hoch legen, sie schießen sie in den Himmel und lassen sie in den Wolken verschwinden.

War ihr erstes Album noch aus einem Fluss oder Bach oder aus irgendetwas Fließendem, so brechen sie mit diesem frühestmöglich, bereits mit dem zweiten Stück. Circus startet als staubtrockender Westerntrack und verwandelt sich in eine fröhliche Bläser-Jazz-Nummer, fernab der üblichen Elektroschnipsel. Allgemein scheinen Hundreds Gefallen an Blasinstrumenten gefunden zu haben. Doch nicht diese Erkenntnis ist wieder die wahre Schönheit bei diesem Album. Es sind die kleinen versteckten Dinge, die die einzelnen Stücke auszeichnen und die Annahme weiter verfestigen, dass Hundreds immer wunderbare Musik machen werden, egal ob dort nun Bläser, Elektrobeats oder Chöre verarbeitet werden. Ein gutes Beispiel eines solchen Kleinods ist die klare Aussprache des Wortes Bones eben im Lied Circus. Das hört sich hier geschrieben nach der verzweifelten Suche nach Besonderheiten an. Das Gegenteil ist der Fall. Erwartet man Großes, bekommt man es im Kleinen. Und ist der erste Höreindruck wohl ein anderer, weil nicht radikal, so ist doch das genau der Gegenentwurf zu gewöhnlicher Popmusik, ohne dies zwingend heraufzubeschwören. Und genau dafür muss und sollte man Hundreds lieben und mindestens zwölf Mal beglückwünschen. Denn, was da noch so kommt, muss 2014 erst noch mal überboten werden.

Separate the Sea bereitet zunächst mit Sigur-Ros-Teppich und Klavierthema den Weg für den ersten wirklichen Mitsing-Titel des Albums. Our Past wird, wenn es schlecht läuft, bei der neuen KIA oder Opel Corsa-Werbung laufen, weil PR-Leute ja auch nicht doof sind oder wenn es gut läuft auf jeglichen Midsommar-Festen, weil es wohl kaum ein besseres Lied geben wird, welches die Nacht in die ersten Morgenstunden transportieren könnte. Dieses Gefühl der müden Glückseligkeit gerade etwas Besonderes zu erleben.

Auf Rabbits on the roof verstecken sich nicht nur Hasen auf dem Dach, sondern auch die unruhigsten Beats auf dem Album. Dachte man nach den beiden vorangegangen Titeln, dass das Album sich langsam aber sicher dem ruhigen Ende entgegensehnt, so wird man hier auf die Tanzfläche geschmissen. Diesmal kurz vor dem Sonnenaufgang in den Alles-oder Nichts-Stunden der Nacht zwischen 4 und 5 Uhr, in denen alles passieren kann und darf, nicht nur Hasen auf dem Dach.

Das Unheimliche an diesem Album ist, dass ich dies nach nur drei Hördurchgängen schreiben kann und ich will mir nicht vorstellen wie dieser Text nach 20 oder 30 Rotationen aussehen würde. Hundreds scheinen noch mehr in ihren Liedern versteckt zu haben und noch abwechslungsreicher zu sein. Noch einmal haben sie Pop-Stücke mit kleinen Dingen verziert und zu eigenen Welten entstehen lassen. Und das ist wohl der große Unterschied zur ersten Platte. Nicht das komplette Album ist ein einziger Fluss, sondern jedes einzelne Stück.

Text:
Markus Bur am Orde
Geschrieben am
28. März 2014