Be Glad You Are Only Human
 

Be Glad You Are Only Human von Misophone

Genre: folk, experimental, singer-songwriter, Indie, lo-fi

 
  1. Cavalcade
  2. The Motherless Moth Headed Bread Boy
  3. Grey Clouds, Part 2
  4. Goodbye
  5. As She Walked Out of the Door
  6. One Last Time, Part 2
  7. Be Glad You Are Only Human
  8. I Sleep Like the Dead
  9. Homeward, Gone
  10. Spisske Nova Ves
  11. Been in the Storm
  12. I Hope I Might Be Wrong
  13. Life is Good
 
 

Alles beginnt mit einer weit entfernten Stimme, die zur gemächlichen Melodie einer Spieluhr fernöstliche Verse trällert. Die befremdlichen Klänge verschwinden in der Ferne und Sekundenbruchteile später findet man sich inmitten eines Jahrmarkts wieder. Direkt neben einem steht eines dieser sich langsam drehenden Kinderkarussells, die man damals am liebsten den ganzen Tag gefahren wäre. Auch die singende Stimme ist wieder da, nun viel näher und verständlicher treibt sie das sich fröhlich drehende Karussell an und erzählt seltsame Geschichten vom motherless moth headed bread boy.

Dann sind sie plötzlich vorbei, die ersten fünf Minuten von Be glad you are only human und das rhythmische Grey clouds befördert einen, zumindest was die folkige Instrumentierung angeht, auf eher bekanntes Terrain. Der eigenartige Gesang – zeitweise vergleichbar mit einem Insekt, das sich in den eigenen, hintersten Hirnwindungen eingenistet hat und dort nach Lust und Laune seine geheimnisvollen, unheimlichen und schönen Liedchen zirpt - wird einen jedoch über die knapp 40 Minuten stets treu begleiten.

Misophone besteht aus Multiinstrumentalist Stephen Herbert, sowie Sänger und Texter Matt Welsh. Seit vielen Jahren nehmen die beiden Briten zusammen Musik auf, stets mit dem Ziel, das wiederzufinden und aufleben zu lassen, was im Laufe der Zeit verloren ging oder in Vergessenheit geriet. Das Ergebnis sind unzählige Veröffentlichungen, anfangs noch auf billigen Kassetten, prall gefüllt mit unkonventioneller Kreativität, die auf ihre ganz eigene schräge Art und Weise ein seltsames, warmes Nostalgiegefühl erzeugen. Treffend beschreibt dieses Empfinden der paradoxe Albumtitel Where has it gone, all the beautiful music of our grandparents? It died with them, that’s where it went aus dem Jahr 2007. Be glad you are only human erschien ein Jahr später, wobei es unnötig ist diese Musik einer Zeit oder einem Genre zuzuschreiben. Zu stark verschwimmen die Einflüsse aus östlicher Gypsy- und Volksmusik, sowie aktuellen Folkgruppierungen und Singer/Songwritern, zu sehr dehnt sich die Musik in alle Richtungen aus. Traditionelle und moderne Klänge, erzeugt von einer Heerschar von Instrumenten, begleitet von Welshs ungewöhnlicher Stimme und aufgenommenen Tiergeräuschen. Alles selbst daheim im Wohnzimmer zusammengemischt. Begabte Hörer können Akkordeon, Harmonium, Mini Piano, Strohgeige, Banjo, Xylophon, Lap-Steel-Gitarre, Theremin, Autoharp, Omnichord, Dulcimer, Singende Säge und vieles, vieles mehr vernehmen. Eine kleine Schatztruhe, die eigentlich nur auf einem Grammophon abgespielt werden dürfte.

Die Stimmung auf Be glad you are only human schwankt dabei wie ein kleines Segelschiff auf See. Munter tänzelt As she walked out the door über das Schiffsparkett, während in der Kombüse das krächzende Transistorradio One last time (part 2) spielt. Düster und unheimlich hingegen untermalen I sleep like the dead und Homeward, gone die nächtliche Fahrt über das von Nebelschwaden durchzogene Gewässer, bevor Spisske nova ves die Kurbel der Drehorgel wieder antreibt und flott-fröhliche Melodien erklingen. Den Abschluss bildet das abgehackt befidelt und geklimperte Life is good, getragen von einem tiefen, russisch klingenden Männerchor.

Zugegeben, das klingt etwas verrückt und abgedreht. Und doch durchzieht das Album ein gewisser roter Faden, dessen Intimität bei jedem Durchlauf stärker zum Vorschein kommt. Farbig schillert Be glad you are only human jedoch sicher nicht, vielmehr erinnert es an ein altes Polaroid. Jedes Stück erzählt seine eigene Geschichte, ruft andere verschwommene Erinnerungen und Stimmungen hervor. Das sollte doch den etwas beschwerlichen Einstieg lohnenswert machen oder nicht?

Text:
Lukas Steimle
Geschrieben am
08. April 2013