Dolores
 

Dolores von Bohren & der Club of Gore

Genre: jazz, ambient, doom jazz, dark ambient, funeral jazz

 
  1. Staub
  2. Karin
  3. Schwarze Biene (Black Maja)
  4. Unkerich
  5. Still Am Tresen
  6. Welk
  7. Von Schnäbeln
  8. Orgelblut
  9. Faul
  10. Welten
 
 

Die Nacht ist da. Zeit, dass all die Unruhe Körper und Geist verlässt. Kein Mensch weit und breit, nur man selbst. Der alte, bequeme Sessel steht einladend in der Ecke, daneben ein paar Kippen und ein Glas von dem guten Whiskey. Der für die besonderen Momente. Das schwache Licht im Raum kommt von einigen ruhig flackernden Kerzen und das einsetzende Knistern verrät, dass die Nadel des Plattenspielers soeben den äußeren Rand von Dolores berührt hat. Zeit sich fallen zu lassen.

Schwerfällig und träge schleppen sich Kontrabass, Klavier und Schlagzeug durch die Stücke, als wäre all der Glanz der Welt verloren gegangen. Ein Ziel hatten sie nie, und falls doch, so ist es längst vergessen. Es ist ein Geduldsakt bis die nächste Note erklingt, der nächste Besenschlag auf dem Trommelfell landet. Eine Sekunde wird zur Stunde, und spätestens wenn bei Unkerich das erlösende Saxophon einsetzt, steht die Zeit endgültig still. Nichts dürfte im Geringsten anders sein.

Im Anschluss legt Still am Tresen seinen musikalischen Schleier über eine nächtliche Bar, in der ein letzter Gast, das Glas fest umschlossen, aus Liebeskummer und Verzweiflung ins Leere starrt, während draußen der Regen an die Scheiben peitscht. Kein Wunder also, dass dieser düstere Musikstil namens Doom-Jazz häufig im Film Noir Verwendung findet.

Eine knappe Stunde lang zelebrieren Bohren & der Club of Gore auf Dolores die Entschleunigung und das, was ihnen den dämlichen Titel „langsamste Band der Welt“ eingebracht hat. Einen Titel, den sie 2004 mit Geisterfaust etwas zu sehr ausreizen wollten - nicht so bei Dolores. Nie wirkt es, als wolle man musikalische Grenzen erforschen. Dafür sind die Instrumente zu sehr in Einklang - immer wieder lässt das Saxophon seine todtraurigen Melodien auf ein dröhnendes Schallgerüst tropfen - und was bleibt ist dieser hypnotische Tiefgang, der einen gefangen hält und Raum und Geist mit Klang füllt.

Dolores ist keine Platte für jede Gelegenheit. Sie scheut den Tag und dessen Hektik, braucht nächtliche Zuneigung und ein Grundquantum an trübsinniger Melancholie. Nur so finden die das Cover zierenden Nachtfalter auch wirklich ihren befreienden Weg nach draußen.

Wer macht wohl solche Musik, habe ich mich gefragt. Vor etwa zwei Jahren bekam ich bei einem hervorragenden Konzert in Schorndorf die Antwort: Vier Herren mittleren Alters aus Mühlheim im Anzug mit wenig Haar und viel sympathischem, trockenem Sarkasmus, die ihre Anfänge im Death- und Doom-Metal hatten und den wohl besten Songnamen aller Zeiten ihr Eigen nennen: Dangerflirt mit der Schlägerbitch.

Text:
Lukas Steimle
Geschrieben am
08. April 2013