Hospice
 

Hospice von The Antlers

Genre: Indie, indie rock, slowcore, singer-songwriter, fuzz-folk

 
  1. Prologue
  2. Kettering
  3. Sylvia
  4. Atrophy
  5. Bear
  6. Thirteen
  7. Two
  8. Shiva
  9. Wake
  10. Epilogue
 
 

Der Sound des Albums ließe sich als eine Mischung aus Ambient, Shoegaze, Folk und Slowcore (sorry), mit der gelegentlich aufbrandenden Stimmung von Arcade Fires Funeral beschreiben.

Hospice erschien vor zwei Jahren. Zunächst noch in kleinerer Auflage im Selbstvertrieb erschienen, machte es zunächst als Geheimtipp die Runde, bis sich schließlich ein Label fand und sich rasch größerer Erfolg einstellte. Irgendwann darauf aufmerksam geworden, ließ ich es nach zwei oder drei Durchläufen in einer Untiefe meiner Festplatte ein stilles Dasein fristen.

Es gibt Alben, in denen man Potential spürt, die persönliche Reizpunkte berühren, aber einige Zeit benötigen, bis sie sich einem erschließen. Sei es, weil ihre musikalische Aura, ihr Vibe unvertraut ist oder die Arrangements so vielschichtig konstruiert sind, dass sie unnahbar wirken und man sich vorschnell von ihrer Sperrigkeit abschrecken lässt. „Grower“ werden diese wohl genannt.

Hospice ist nun eigentlich nicht per se ein solches Album. Zwar ist die Platte facettenreich: der Sound ließe sich als eine Mischung aus Ambient, Shoegaze, Folk und Slowcore (sorry), mit der gelegentlich aufbrandenden Stimmung von Arcade Fires Funeral beschreiben, in der auch Klavier und Bläser ihre Daseinsberechtigung haben. Dennoch ist es ein Album, dass sich einem nicht verschließt. Die Songs sind durchweg Kleinode, daher möchte ich keinen herausgreifen. Songschreiberisch stets auf den Punkt, dabei pendelnd zwischen todtraurigen Grundtönen, erschütternden aber gleichsam erhebenden Ausbrüchen, durch verträumte Zwischenspiele verbunden – wenn das Wort verträumt keinen positiven Unterton hätte. Denn Hospice ist ein Konzeptalbum über das Sterben und den Tod. Es erzählt die Geschichte einer innigen Beziehung zu einem unheilbar kranken Mädchen und den Umgang mit Hoffnungslosigkeit, die Wut über das eigene Unvermögen und die Akzeptanz dessen, dem man machtlos ausgeliefert ist. Die Texte sind teils prosaisch, teils lyrisch, grundehrlich und nie in Zynismus verfallend. Sie beschreiben den Krankenhausalltag, fürchterliche Alpträume und richten Worte an den scheidenden Menschen. Als schreibe man jemanden einen Brief, den man nicht abschicken kann. Die Stimme Peter Silbermans, dessen Projekt The Antlers ist, erinnert dabei ein wenig an Jeff Buckley. Sie erzählt die Geschichte um Hospice meist bedächtig und unaufdringlich, schwebt mitunter im Falsett durch den Raum, kann sich aber auch unpeinlich überschlagen. Großartig.

Was ist Hospice nun für ein Album? Zugegeben, vielleicht benötigt es die nötige Empfänglichkeit für derart aufwühlende Melancholie. Diese hat man nun einmal nicht immer. Aber Verlust ist ein universelles Thema, das auf Hospice mit großer Feinfühligkeit und Intimität verarbeitet wird. Selbst kleinste Lyricschnipsel, die im Unterbewusstsein umherschwirren, können unverhofft vertraut sein und ihren Finger in die Wunde legen. So kann die Platte dann schließlich doch noch wachsen. Und wie. Leiden kann so schön sein.

Text:
Joscha Kollascheck
Geschrieben am
08. April 2013