Latitude
 

Latitude von David Lemaitre

Genre: singer-songwriter, Indie, german, bolivian, mannheim

 
  1. Megalomania
  2. Spirals
  3. Magnolia (Girl With Camera)
  4. The Incredible Airplane Party
  5. Olivia
  6. Pandora Express
  7. Jacques Cousteau
  8. Six Years
  9. The Doctor's Wife
  10. Valediction
  11. River Man
 
 

Selten ist die Beschreibung „schöne Popmusik“ wirklich hilfreich, doch auch selten trifft sie so genau auf den Punkt, wie bei diesem grandiosen Album, das sich in diesem Jahr vor gar nichts zu verstecken braucht.

Zwei Schwestern vereint in einem abgelegenen Haus. Sichtlich berauscht von der Schönheit des Ankommens werden alte Lumpen zu Kleidern, Schnaps zum Stimmungsaufheller und altes Gerümpel zu Zielscheiben. Sie genießen das Leben, sie tanzen beschwingt und sie werfen sich immer wieder verliebte Blicke zu, wie es nur zwischen Geschwistern geschehen kann. Das Leben kann schön sein und man sollte es genießen, kann die Quintessenz des kleinen Videos sein. Doch plötzlich geschieht etwas. Nicht direkt an der Oberfläche sichtbar, doch im Untergrund brodelt stillschweigend die Gewissheit. Blicke gehen auseinander, kryptische Kreise werden gemalt und der Weltuntergang scheint nicht mehr weit entfernt. Ob damit die innere Zerrissenheit symbolisiert werden soll oder tatsächlich ein unaufhaltsamer Sturm die Hütte niederreisen wird, bleibt ungeklärt. Besser so.

Das bis hierhin schönste Musikvideo des Jahres wird auch von dem schönsten Musikstück des Jahres untermalt. Und auch wenn die Farben verdächtigt heraus genommen wurden, die Zigarette lässig in die Sonnenstrahlen gehalten wird, die überaus adrett mit Flohmarktkram gekleideten Damen herumalbern und deswegen die Hipster-Alarmglocken auf rot glühen, so ist doch nichts falsch an den durchweg an Geschwindigkeit herunter gedrehten Bildern. Kenner mögen hier Slow-Motion sagen wollen. Damit dieses Video so wunderbar funktioniert und diese Unaufgeregtheit in jedem Bild innewohnt, hat allerdings nicht zum größten Teil mit den langsamen Bildern, sondern mit der wunderbaren Musik zu tun.
Diese hat ein gewisser David Lemaitre erfunden und mit noch mehr grandiosen Liedern zu einem gesamten Album zusammengebastelt, welches auf den Namen Latitude *hört und vor Schönheit nur so strotzt. Man kann eigentlich alle Adjektive, die oben für das kleine Video verwendet wurden, auch auf das Album übertragen. Und die berauschende Schönheit, nur um es das meistgeschriebenste Wort in dieser Rezession werden zu lassen, ja die Schönheit tropft aus allen Plastikecken der CD-Umhüllung oder aus den Boxen oder aus was auch immer. Ein Lappen sollte eigentlich als Standard mitgeliefert werden, wenn *Latitude bestellt wird. Doch Schönheit ist bekanntlich dem einen sofort erkennbar, wogegen es dem Gegenüber völlig verschlossen bleibt. Und hier setzt diese Plattenkritik an. Zum einen wird dabei völlig ausgeblendet, dass *David Lemaitre *der wohl begnadetste, netteste und laut meiner weiblichen Konzertmitgängerinnen schnuckeligste Liedermacher dieses Jahres ist. Zum anderen wird auch nicht schon wieder auf seine Herkunft eingegangen, die ihn von Bolivien über Europa nach Berlin verschlug.

Aber nun zu den Schönheiten. Und lieber Leser, davon gibt es mehr als genug. Auf Vollständigkeit kann dabei nicht verwiesen werden. Über den Opener Megalomania wurde im Zusammenhang mit dem Video schon ausführlich geschrieben. Das nächste Stück Spirals wird unaufgeregter angegangen. Nur die hohe und manchmal zerbrechliche Stimme stimmt mit der Akustikgitarre ein und bäumt sich mit LoFi-Elektronika auf, um sich dann (Achtung Schönheit!) nach 1 Minute und 47 Sekunden auf die Streicher und die elektronischen Geräusche zu konzentrieren. Aus Nick Drake wird dabei Bonobo oder aus Elliot Smith Four Tet. Man könnte in dieser Melodie baden gehen, was die Dame aus dem Video ja auch in Milch tut. Schlaue Frau.
Das nächste große Schönheitshighlight entgegnet uns im vierten Lied. Und eigentlich ist die Geschichte dazu schon ausreichend. In diesem Stück wird über eine Flugzeugparty gesungen, auf der David mit Megan Fox tanzt, sich nicht über einen Tiger aufregt und seine komplette Verwandtschaft ihm dazu Beifall klatscht. Dass dabei kein Pilot an Bord ist, stört weder den Hörer noch die Mitklatschenden und im Chor singenden Passagiere. The Incredible Airplane Party eben. Auf die Reise geht im Mittelstück des Albums auch der Pandora Express. Nur wird hier der Hall ausgeschalten und die Jack Johnson Gitarre ausgepackt. 'Dafür, dass daraus kein Kitsch sondern eben Schönheit wird, sorgt die manchmal schon flüsternde Stimme, die kleinen wie zufällig eingequetschten Elektroschnipsel und die zum richtigen Zeitpunkt eingesetzten Streicher. Und dann fliegt man plötzlich mit dem Pandora Express, obwohl man eigentlich gar nicht gehen will. Six Years erzählt von einer guten Freundschaft, die sich sechs Jahre nicht gesehen hat. Und wie das nun mal bei guten Freundschaften so ist, ist nach sechs Jahren auch noch immer alles dasselbe ohne Langeweile aufkommen zu lassen. Kein großes Hallo, keine falsche Freude, einfach nur die Freundschaft im Mittelpunkt. Ähnlich kommt auch dieses ruhige Lied ins Ohr. Unaufgeregt und ohne zu wissen warum, ist dieses Lied schon ewig dagewesen. Mit Doctor’s Wife kommt plötzlich Darwin Deez um die Ecke. Der ist sowieso immer schön. Und wie in Valediction in den letzten Minuten Let it go gehaucht wird, ist sowieso großartig und bedarf keiner füllenden Worte mehr.

Doch das hier ist nur die Kurzversion, um sich diesem wunderbaren Stück Musik anzunähern. Es gibt noch so viel mehr zu entdecken. Von Nick Drake-Cover, himmlische Streicharrangements. ein leuchtendes Glockenspiel und noch mehr erfundene Instrumente. Glaubt mir, ich hab es selbst gesehen. Bei diesem Album gibt es kein Konzept und die reine Musikbegeisterung scheint über den vermittelnden Verstand gesiegt zu haben. Selten ist die Beschreibung „schöne Popmusik“ wirklich hilfreich, doch auch selten trifft sie so genau auf den Punkt, wie bei diesem grandiosen Album, das sich in diesem Jahr vor gar nichts zu verstecken braucht.

Text:
Markus Bur am Orde
Geschrieben am
02. September 2013