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Reeperbahnfestival
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Reeperbahnfestival

400 Konzerte auf 70 Bühnen - oder auch der großartige Wahnsinn des Reeperbahnfestivals.

Hiermit möchte ich meinen großen Respekt an die Veranstalter und an die Bands des größten Clubfestivals Deutschlands ausdrücken, denn sowohl die Organisation als auch die Fähigkeiten der Künstler haben in 70 Spielstätten für musikalische und kulturelle Höhepunkte gesorgt. Indie-Rock, Indie-Pop, seit neuestem auch Indie-Schlager, Rock, Electro/DJ, Pop, Experimental, Folk, Classical/Jazz, Hip-Hop/Rap und Singer/Songwriter geben sich die Klinke in die Hand und verzaubern das Publikum.

Ich könnte wahrscheinlich ein ganzes Buch über dieses Festival schreiben. Das wäre allerdings zu langweilig für euch und auch nicht mein Ziel. Das ist etwas ganz anderes. Mein Ziel ist Stuttgart für dieses Festival zu begeistern und euch schon jetzt für's nächste Jahr einzuladen. Warum sich diese Reise in den Norden lohnen wird, sei an dieser Stelle in drei Punkten zusammengefasst:

  1. Hamburg bietet eine Bühnenvielfalt sondergleichen. Von außen oft nicht sichtbar, eröffnen sich dem Festivalgänger unter- oder oberirdisch, jedoch ganz und gar nicht unterirdische, Locations. Als Highlights nominiere ich die Mojo Bar, den Kaiserkeller, das Molotow und das Docks. Das Uebel & Gefährlich, das sich in einem Bunker befindet, gewinnt den Preis der beeindruckensten Außenwirkung.

  2. Auf dem Kiez leben am Festivalwochenende Fans der Frauen und der Live-Konzerte friedlich nebeneinander und lassen Hamburg damit wieder ein bisschen seinen Wurzeln näherkommen. Dieses eindrucksvolle Spektakel ist hochgradig sehens-, fühlens-, schmeckens- und natürlich hörenswert.

  3. Es herrscht eine familiäre Stimmung in den großen und kleinen Venues, die Platz und Zeit für internationale und nationale Newcomer, Sternchen und Stars zur Verfügung stellen. Es ist ein Ort, um Inspiration zu suchen, Gleichgesinnte zu treffen und den Stress, von einem zum anderen Konzert zu laufen, loszulassen, um sich darauf einzulassen, was um einen herum los ist. Ihr solltet euch nicht zu viel vornehmen, sondern ein paar Gigs anpeilen und euch ansonsten überraschen lassen – so werdet ihr bestimmt nicht enttäuscht.

Natürlich möchte ich auch kurz meine persönlichen konkreten musikalischen Highlights zusammenfassen. Total überzeugt haben mich Tonbandgerät. Offiziell gar nicht im Programm des Festivals haben die vier Hamburger im N-Joy Reeperbus eine kurze Live-Session gespielt und damit mein Herz erobert. Sie waren nicht nur unglaublich sympathisch, sondern musikalisch sehr überzeugend mit den paar Songs ihrer Heute ist für immer-Tour. Ihr solltet sie am 8.11. im Kellerclub nicht verpassen!

Antimatter People, eine Psychedelic-Pop liebende, mit Hip-Hop und Rock sympathisierende Band aus London und Luxemburg sind live absolut empfehlenswert. Songwriter und Sänger Yehan Jehan sticht nicht nur wegen seiner lockigen schwarzen Haarpracht ins Auge.

Das Schweden tolle Bands hervorbringt, ist uns allen klar. So haben mich NONONO unbekannterweise, aber nicht überraschenderweise für sich begeistern können. Sie hätten sich auch gern YESYESYES nennen können. Mit ihrem Pop und den elektronischen Einflüssen holten sie sogar True Colours von Phil Collins in unsere Zeit. Das war aber auch das einzige Cover, das sie gespielt haben.

Urban Cone haben neben ihrer musikalischen Darbietung vor allem durch ihre Autogramm-, Foto- und Quatsch-Bereitschaft nach ihrem großartigen Konzert überzeugt. Ein weiteres Highlight waren für mich die Berliner Mädels von Laing. Wer hat nicht schon zu Ich bin morgens immer müde, aber abends werd ich wach getanzt? Live machen sie eine Performance der Extraklasse, Tanz und Gesang sind perfekt und vor allem haben sie Spaß auf der Bühne. Das kommt super an!

Wer von euch die Chance hat SEA & AIR live zu sehen, z.B. am 03.10. in Karlsruhe, sollte diese auf jeden Fall wahrnehmen. Das Ehepaar aus Stuttgart mit griechischen Wurzeln ist hochbegabt. Singen, Gitarre und Klavier spielen, nebenbei noch eine tolle Show machen und sympathisch sein, geht’s noch besser?

Dagobert war gleich viermal als Programmpunkt angekündigt. Diesen komischen Schweizer Kauz mit seinen Schnulzenliedern wollte ich unbedingt live sehen. Wie gibt sich so einer auf der Bühne? Gibt es live Hinweise darauf, wie viel Wahrheit und wie viel Sarkasmus in seinen Songs steckt? Leider Fehlanzeige. Die Entscheidung seinen letzten Auftritt am Samstag anzuschauen, stellte sich als sehr schlecht heraus. Er war krank und heiser. Deshalb stieg er lieber auf Playback vom iPod um. Schade. Nachdem er das ausgesprochen hatte, verlor die ganze Show an Wirkung. Wir wollten doch gerade erleben, wie der wirklich singt. Ich gebe ihm noch eine Chance – aber nur weil die Neugier auf seinen wirklichen Stimmklang größer ist als die Enttäuschung und Empörung über diesen vermasselten Auftritt.

Eine ganz junge Band aus München, die gerade ihr Debutalbum The Empire herausbrachte, durfte ich auf Empfehlung eines Freundes genießen. Claire mit ihrem Synthie-Pop, Electro, Hip-Hop und Indie-Mix lassen keinen Fuß still stehen und füllten den Mojo-Club komplett aus – und der ist groß, mit zwei Etagen. Teilweise wirkten die Songs noch etwas eintönig, aber für eine erst 1,5 Jahre junge Band sehr überzeugend. Am 09.11. sind Claire beim Popnotpop Festival in Stuttgart dabei – schaut sie euch an und tanzt mit.

Den krönenden Abschluss bescherten mir die kanadischen Jungs von The Elwins in der Molotow Bar. Ihre erste Deutschlandtour mit ihrem Album And I Thank You, das einen Batzen Ohrwurm verdächtiger Indie-Pop/Rcok Songs enthält, ist vorbei. Abzüglich eines Konzerters in London findet die Fortsetzung nur noch auf dem amerikanischen Kontinent statt. Umso mehr freue ich mich, sie doch noch live gesehen zu haben. Sie bezogen das Publikum aktiv mit ein – durch Klatschen, Countdown, Mitsingen, ein paar deutsche Sätze wie Wo ist das Klo? und sympathischen, perfektionierten Small-Talk.

400 Konzerte auf 70 Bühnen – oder auch 'Ich freu mich schon aufs nächste Jahr und dann hoffentlich mit euch!!!'

Text:
Gesina Beckert
Geschrieben am
30. September 2013
Tonbandgerät
Indie, german, ekelhaft, alternative, indie pop
Antimatter People Antimatter People
NONONO NONONO
Indie, pop, electronic, indie pop, swedish
Yehan Jehan Yehan Jehan
psychedelic, progressive, shoegaze, baroque pop, art rock
Urban Cone
Indie, electronic, swedish, electronica, dance
Laing Laing
german, berlin, under 2000 listeners, electronic, motorfm
sea & air sea & air
ambient, pop, under 2000 listeners, electronica, norway
Dagobert
electro, old school, e-l-e-c-t-r-o, bass, nu electro
Claire Claire
female vocalists, anime, japanese, jazz, soundtrack
The Elwins
canadian, Indie, broken arts, we chat online, hung out with them